Druckschrift 
Chirurgische Anatomie und Operationslehre für Thierärzte / von Dr. E.F. Gurlt und Dr. C.H. Hertwig, Professoren an der Königlichen Thierarzneischule zu Berlin
Entstehung
Seite
7
Einzelbild herunterladen

Exstirpation von Balggeschwülsten und von Warzen, das Brennen des Spatts, der Gallen u dgl.).

In den Fällen der letztern Art berücksichtiget man bei der auszuwählenden Zeit zur Operation das Alter und die körperliche Beschaffenheit des Thieres, die Jah- reszeit, die Witterung und, überall wo es sein kann, auch die Tageszeit. So z. B. kastrirt man junge Thiere von edler Abkunft nicht gern zu früh, ehe ibr Körper sich gehörig entwickelt hat. Eben so operirt man nicht gern solche Thiere, die in einem schlechten, kränklichen Körperzustande sich befinden. Zur Zeit, wo eben bösartige Krankheiten oder Seuchen herrschen, ist es am besten, alle wichtigeren Operationen, die sich auf- schieben lassen, nicht zu unternehmen. Hiusichtlich der Jahreszeit scheinen der Frühling und der Herbst zur Ausführung wichtiger Operationen am meisten geeignet, weil in diesen Jahreszeiten mehrentheils eine milde Wit- terung herrscht, und die Thiere weder von zu groſser Hitze oder Kälte leiden, noch von Iusekten viel belä- stiget werden. Auſserdem entstehen im Sommer, und überhaupt bei anhaltend sehr warmer Witterung, oft fau- lige Krankheiten, bei anhaltendem Regenwetter leicht rheumatische und catarrhalische Beschwerden, und im Winter oft heftige Entzündungskrankheiten. Wo jedoch

die Nothwendigkeit das Operiren gebietet, mufs man

suchen die nachtheilige Einwirkung der Jahreszeit und Witterung durch eine zweckmäſsige Einrichtung des Stalles abzuhalten. Hiusichtlich der Tageszeit wählt man am besten den Morgen Zzur Ausführung der Operationen, weil man dann während des Tages die etwa eintreten- den üblen Zuſälle, z. B. Blutungen, besser wahrnehmen und leichter beseitigen kann, als wenn man spät am Tage operirt. Denn da man im letztern Falle die Nacht nahe vor sich hat, so mufs man hier immer befürchten, daſs die während derselben möglicherweise entstehenden üblen Zufälie wegen Mangels an hellem Licht oder we- gen Trägheit der Wärter unbeachtet bleiben und Gefahr herbeiführen, oder daſs man nicht schnell genug die- thigen Gehülfen zur Hand haben kann, u. dgl. 1 8I9. eio⸗ 201 Sia te (c) Eine Vorbereitung der Thiere zu den Opera- tionen ist in manchen Fällen nöthig oder doch nütazlich, in andern unnöthig und in noch andern unausführbar, je nachdem der Krankheitszustand, die Beschaffenheit des Thieres im Allgemeinen oder die Beschaffenheit des lei- denden Theils, die Art und die Zeit der Operation dies bedingen. Bei allen Operationen, deren Ausführung sogleich nöthig ist, fällt eine eigentliche Vorbereitung des betreffenden Thieres von selbst weg, und bei den meisten geringeren oder leichten Operationen ist dieselbe auch unnöthig. Dagegen muſs man in den Fällen, wo die Thiere(namentlich die groſsen) niedergelegt und festgebunden werden sollen(wenn es die Zeit erlaubt), durch wenigstens 12 Stunden vor der Operation kein Futter und nur sehr wenig Getränk geben, damit sie beim Niederfallen keine vollgefüllten Eingeweide haben und hierbei auch weniger der Gefahr ausgesetzt sind, sich die letzteren zu beschädigen. Bei fast allen Ope- rationen, bei denen man es mit Oeffnungen in den Bauch- wänden(z. B. bei der Kastration weiblicher Thiere) oder

mit vorgefallenen Eingeweiden zu thun hat, wird durch etwas länger vorausgehendes Fasten der Zweck stets leichter und sicherer erreicht. Wenn an jungen, voll- säftigen und kräftigen Thieren wichtige Operationen, besonders an innern Organen ausgeführt werden sollen, so ist es zweckmäſsig, vorher durch Verminderung des Futters oder durch Darreichung von leicht verdaulichem und wenig nahrhaftem Futter, selbst durch Aderlassen und küblende Laxiermittel die Säftemasse zu vermindern und die Vitalität herabzustimmen. Diese Behandluang wird unter den bezeichneten Umständen um so mehr nützlich sein, wenn die bevorstehende Operation selbst mit keinem bedeutenden Blutverlust verbunden ist; wo aber der letztere wahrscheinlich eintritt, muſs man we- nigstens mit dem Aderlassen vor der Operation sehr vor- sichtig sein. Sind Thiere durch Alter, durch vor- ausgegangene Kraukheiten, durch Blatverlust u. dgl. sehr geschwächt, so mufs man suchen, sie zuerst durch Ruhe und gute Pflege, selbst durch erregende und toni- sirende Arzneimittel zu stärken, damit sie die Operation besser ertragen und eine genügende Reaction erzengen können. Befinden sich die Theile, an denen eine Operation unteruommen werden soll, in einem sehr ge- reizten, schmerzhaften Zustande, so sucht man deusel- ben zuerst, nach möglicher Entfernung der Ursachen, durch kühlende, schleimige, narkotische u. a. Mittel 2u beseitigen. Zu sehr erhärtete Theile, namentlich der- gleichen Hüfe und Klauen, erweicht man durch Bäder, Waschungen oder Umschläge von warmem WMasser, oder von schleimigen Mitteln, oder durch öfteres Einreiben von Fett oder Oel. Verunreinigungen von Blut, Ei- ter u. dgl. werden durch Abwaschen mit warmem Was- ser oder mit warmem Seifenwasser eutfernt; Haare an der Operationsstelle werden entweder rein abgeschoren, oder, wenn man lange Haare unverletzt erhalten soll (wie es zuweilen an den Mähnen und am Schweif ge- wünscht wird), so müssen sie zweckmäſsig eingefloch- ten oder zusammengebunden werden, u. s. w.

*§. 20. (d) Der Ort, wo man eine chirurgische Operation au Thieren verrichten will, soll so hell sein, daſs we- nigstens von oben her die, der Operation unterworfenen Theile vollständig vom Tageslicht beleuchtet und deut- lich erkennbar sind; er mufs dabei so geräumig sein, dafs die Thiere, selbst wenn sie unruhig und widersetz- lich sind, keine festen Gegenstände(z. B. Wände, Standbäume u. dgl.) erreichen und an denselben sich selbst oder den Operateur und die Gehülfen beschädigen können. Die Ausführung von Operationen im Stalle (oder an kleinen Thieren im Zimmer) ist daher in der Regel nur bei einfachen, wenig schmerzhaften und schnell ausführbaren Operationen zu empfehlen, wenn zugleich das betreffende Thier gutmüthig und der Stall hell und geräumig genug ist. Denn, fehlen diese Bedingungen, so sind selbst geringe Operationen nur mit Unsicherheit und mit Gefahr im Stalle zu verrichten; und deſshalb operirt man unter solchen ungünstigen Umständen am besten im Freien. Letzteres ist im Allgemeinen auch nöthig, bei allen groſsen und wichtigen Operationen an den grofsen Thieren, besonders aber, wenn dieselben

2*