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Chirurgische Anatomie und Operationslehre für Thierärzte / von Dr. E.F. Gurlt und Dr. C.H. Hertwig, Professoren an der Königlichen Thierarzneischule zu Berlin
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ohne das örtliche Auffinden des Steins von aufsen her kann man bei dem gehinderten Uriniren auf sein Ver- handensein sicher schliefsen und ihn als in der Sförmi- gen Krümmung sitzend, annehmen.

Bei Schaafen treten die Erscheinungen mehr heſtig auf. Die Thiere versagen plõtzlich das Futter, stellen sich gern in einen Winkel des Stalles; auf der Weide pleiben sie zurück; sie strecken den Hals, senken den Kopf zur Erde, knirschen mit den Zähnen und geifern; sie stellen sich oft mit den Hinterfüfsen breit, wedeln dabei mit dem Schwanze, heben den Kopf in die Höhe und blöken, worauf mitunter einige Tropfen Urin abge- hen. Durch den Mastdarm fühlt man die Blase sehr voll, und gleitet man mit den Fingern an der Harnröhre her- ab, so fühlt man gewöhnlich den Stein zwischen der Sförmigen Krümmung und dem vordern Ende des Penis. Wenn aber derselbe sehr klein jst oder in der S förmi- gen Krümmung selbst sitzt, kann man ihn gewöhnlich nicht fühlen. Um jedoch auch hier Gewiſsheit zu erhal- len: ob wirklich eine Harnverhaltung besteht? braucht man nur dem Schaafe durch einige Sekunden die Nase zuzuhalten, worauf es gewiſs harnt, wenn kein beson- deres Hindernifs vorbanden ist.

Hunde zeigen sich bei einem Stein in der Harn- röhre unruhig, sie stellen sich oft zum Uriniren entwe- der gauz ohne Erfolg oder sie pressen nur einige Trop- fen hervor; di eßlase ist durch den After sehr voll, der Bjasenhals aber ohne einen Stein zu fühlen, wohl aber entdeckt man denselben zuweilen in der Harnröhre, oder giese ist wenigstens an der Stelle des Steins(meistens gleich unter den Sitzbeinen) bei angebrachtem Druck schmerzhaft. Mit einer in die Harnröhre gebrachten Sonde kann man den Stein deutlich fühlen.

Aulser diesen, die Diaguosis des Steins sichernden Merkmalen finden sich später bei allen Thieren, wenn die Harnverhaltung einen sehr hohen Grad erreicht, und in Folge derselben Brand oder Zerreifsung eintritt, noch groſse Mattigkeit, Liegen, Zucken mit den Beinen, stierer Blick, Fieber mit kleinem schnellem Pulse, das Athmen mit den Flanken mehr angestrengt, Aus- dehnung des Bauchs, zuweilen ödematöse Anschwel- lung an der untern Wand desselben, und bald nach 3, bald nach 8 Tagen und selbst noch später der Tod.

§. 134.

Bei recht ruhigen Pferden und Rindern kann der Harnröhrenschnitt im Stehen gemacht werden, wenn die Thiere hierzu wie bei dem Blasenschnitt gespannt und gehalten sind; da sie aber selten in der nöthigen Ruhe aushalten, so ist es mehrentheils nöthig, sie recht vor- sichtig und sauft(mit Rücksicht auf die volle Blase) niederzulegen oder noch besser es abzuwarten, bis sie dies von selbst thun. Sie werden auf die linke Seite gelegt, der rechte Hinterfuſs wird entweder auf den rechten Vorarm gebunden, oder mit einem Strick an den

Hals gezogen erhalten, während die andern Füſse ein-

fach zusammengezogen sind. Schaafe und Hunde legt man mit dem Rücken auf einen Tisch, nachdem ihre Füſse jederseits für sich mit den Schienbeinen kreuzweis zusammengebunden sind. Hunden wird vorher das Maul

zugebunden. Gehülfen sind wie bei dem Blasenschnitt

erforderlich. Der Operations-Apparat ist sehr einfach, indem man nur ein geballtes und ein gerades Bistouri, eine metallene Sonde, stumpfe Haken(ohne welche man jedoch auskommen kann), eine Pinzette, kaltes Wasser und einen Schwamm gebraucht.

Bei Pferden versucht man Zuerst den Stein dadurch zu entfernen, daſs man Einspritzungen von Schleim oder von einem milden Oel in die Harnröhre macht, dann das Glied über der Eichel zusammendrückt und die Flüs- sigkeit in der Harnröhre durch Streichen mit der Hand gewaltsam gegen den Stein treibt, hierdurch die Harnröhre erweitert und den letztern löset, so dafs man ihn dann zu der Mäündung drängen kann. Morton zerdrückte sogar einen Stein in der Harnröhre und konnte dann die Stücke leicht entfernen. Gelingt der Versuch nicht, so macht man da, wo der Sitz des Steins ist, einen einfachen, der Gröſse des letztern entsprechenden Ein- schnitt(von 1 ½ bis 2 Zoll Länge) in der Längenrich- tung der Harnröhre durch die Haut, das Zellgewebe und bis in die Haruröhre, und preſst dann den Stein aus derselben hervor oder zieht ihn mit der Pinzette heraus. Man hat bei diesem Schnitt nur darauf zu sehen: daſs seine Ränder in den durchschnittenen Schichten recht gleichmäſsig und eben werden und daſs sein unterer Winkel unter der Haut oder im Zellgewebe keine Höhle bilde, in welche der Urin infiltriren könnte. Nach Entfernung des Steins reiniget man die Wunde und läfst das Thier aufstehen.

Bei Ochsen fühlt man zuerst, wenn der Sitz des Steins während des Stehens gefunden war, nach dem Niederlegen des Thieres nach, ob er auch jetzt noch an derselben Stelle sich befindet. Ist dies der Fall, so macht man unmittelbar auf ihm den Einschnitt; fühlt man aber den Stein nicht, so hat er sich wahrscheinlich nach oben verschoben und man muls ihn deshalb im Verlaufe der Harnröhre, besonders in der Richtung nach dem After zu, durch vorsichtiges Befühlen der Haruröhre aufsuchen. Findet man ihn irgendwo festsitzend, so kann daselbst die Operation unternommen werden; fühlt man ihn aber nirgends, so wählt man als Operations- stelle den Punkt, wo das Thier beim Herunterstreichen mit den Fingern an der Harnröhre jedesmal Schmerz äufsert; und fehlt auch dieses Merkmal, so macht man den Schnitt gerade über dem Scroto, möglichst nahe der Sförmigen Krümmung, weil dann der Stein gewöhnlich in diesem Theile der Harnröhre steckt. Der Ein- schnitt durch die Haut wird mit dem geballten Bi- stouri 2 Zoll lang gerade auf der Haruröhre und in dem Verlaufe derselben gemacht, und eben so das Zellgewebe in derselben Länge durchschnitten, dann die entblöfste Harnröhre mit dem Daumen und Zei- gefinger umfaſst und durch Auf- und Abwärtsstrei- chen an ihren Seiten befühlt, wo der Stein sich befin- det. War der Hautschnitt gleich über dem Hodensacke gemacht, so zieht man daselbst die Sförmige Krümmung der Harnröhre mit den Fingern hervor und verfährt eben so. Hierauf macht man in jedem Falle den Einschnitt in die Harnröhre nicht über, sondern lieber eine Linie unter dem Stein und drückt denselben hervor oder nimmt

ihn mit der Pinzette heraus, wobei immer eine Quautität