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Chirurgische Anatomie und Operationslehre für Thierärzte / von Dr. E.F. Gurlt und Dr. C.H. Hertwig, Professoren an der Königlichen Thierarzneischule zu Berlin
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Thierarztliche Operationslehre.

Erste Abtheilung.

Von den thierarztlichen Operationen im Allgemeinen.

Erstes Kapitel.

Begriff von Operation und Operationslehre, nöthige Eigenschaften eines Operateurs, allgemeine Verschiedenheiten der Operationen. 1

§. 1. Als thierärztliche(veterinär-chirurgische, zoo-chirur- gische) Operation betrachtet man jede mechanische Ver- richtung, die mit den Händen allein oder mit Instrumen- ten, Bandagen und andern Vorrichtungen am lebenden Thierkörper kunstmäfsig ausgeführt wird, um entweder ²) das Leben eines Thieres zu erhalten; oder 5) um Krankheiten zu heilen und fehlerhaſte Bildungen zu be- seitigen; oder) um Thiere für bestimmte Zwecke brauchbarer zu machen; oder auch d) um ihnen ein

schöneres(wenigsteus der menschlichen Eiubildung und

dem herrschenden Geschmack mehr entsprechendes) Ausehen zu geben. §. 12.

Eine wissenschaftliche Darstellung der sämmtlichen mechanischen Verrichtungen, die zur Erreichung der eben genannten vier verschiedenen Zwecke benutzt wer- den, ist die thierärztliche Operationslehre. Diese Lehre hat die Aufgabe: a) die einzeluen Ope- rationen und ihre verschiedenen Methoden zu beschrei- ben und die gegenseitigen Vorzüge der letztern zu zei- gen; 5b) die Krankheitszustände oder die anderweitigen Verhältnisse anzugeben, durch welche an den Thieren eine Operation indicirt oder contraindicirt ist; c) die Wirkungen und die Folgen einer jeden Operation auf den tbierischen Organismus zu erklären; d) die widri- gen Zufälle, die während der Verrichtung einer Opera- tion eintreten können, und die Hülfsmittel, durch welche diesen Zufällen entgegen zu wirken ist, kennen zu leh- ren; und e) die Regeln zu einer zweckmäſsigen Nach- behandlung des operirten Thieres, und besonders des Theils, an welchem die Operation verrichtet ist, auf- zustellen. 4

Man hat die thierärztliche Operationslehre nach der Art der im§. 1. angedeuteten, bei den Operationen- thigen Hülfsmittel in verschiedene Abtheilungen gebracht und namentlich den Theil, welcher von den Operationen mit stechenden und schneidenden Instrumenten haudelt, für sich allein dargestellt, und denselben mit dem Na- men: Akiurgie(von xy, die Spitze, und gr, das

Werk) bezeichnet. Dieser Theil soll auch in vorliegen-

der Schrift allein abgehandelt werden. §. 3. Wer alle thierärztliche Operationen mit Gläck aus- üben will, muſs nicht nur die Operationslehre in der, im Vorstehenden angedeuteten Vollständigkeit gründlich studirt haben, sondern er muſs überhaupt folgende Ei- genschaften besitzen:

1) Er muſs als Thierarzt vollkommen ausgebildet sein. Die bloſse theoretische Kenntniſs der Regeln zur Aus- übung eiuer Operation ist eben so wenig hinreichend für einen guten Operateur, wie es die geschickte Ausübung blos mechanisch erlernter Handgriffe ist, und wie man die letztern z. B. von manchen Pferdehändlern bei dem Euglisiren, von herumziehenden Kastrirern bei der Ka- stration u. s. w. verrichten siehet. Denn jedes Thier, an welchem eine Operation gemacht werden soll, erfor- dert nach seiner ganzen Individualität(nach Gattung, Geschlecht, Alter, Rage ‚nach Art und Grad der Krank- heit, nach dem Maaſse der Kräfte u. s. w.) eine spe- zielle Beurtheilung, die nur derjenige gründlich machen kann, der den gesunden und kranken Organismus ge- nau kennt. Besonders ist abér diese umfassende thier- ärztliche Bildung nöthig, um an dem kranken Thiere diejenigen Zufälle richtig zu würdigen, durch welche eine Operation als nöthig oder als nützlich angezeigt, oder als schädlich verboten wird; eben so, um den we- sentlichen Zusammenhang eines örtlich erscheinenden Leidens mit einem innerlichen krankhaften Zustande einzusehen, die für die Umstände passende Opera- tionsmethode richtig auszuwählen oder selbst nach der Eigenthümlichkeit des Falles neu zu erfinden und, die nach der Operation eintretenden Folgen hinsichtlich ihrer Gefahr richtig zu schätzen und die passenden Mittel ge- gen sie auszuwählen.

2) Er muſs vorzüglich mit der Anatomie des Kör- pers der verschiedenen Hausthiere vertrauet sein, und besonders die gegenseitige Lage, Gröfse und Verbin- dung der einzelnen Theile, so wie den Verlauf der grö- ſseren Gefäfse und Nerven auf das genaueste und durch

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