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Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
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jagung endlich ſicher. Aber was weiter? Dies Zigeunerleben war ich müde bis über den Hals und mußte mich endlich irgend⸗ wo bürgerlichfeſtnageln. Da bot mir ein Schwager, durch die Ironie des Zufalls in demſelben oberheſſiſchen Städtchen L. woh⸗ nend, aus dem ich anno 1847 durch Landrath F. auf dem Schub forttransportirt worden war, die Aſſociation in ſeinem dortigen Brandwein⸗, Liqueur⸗ und Eſſig⸗Fabrikgeſchäfte an. Ich ſchlug um ſo lieber ein, als ich dort viele Verwandte und Freunde zählte und überdies unter der Oberleitung des betreffenden Kreisraths, eines geſellſchaftlich höchſt liebenswürdigen und humanen Beamten die ſpätere techniſche Direction des ſehr gewandte ſchauſpieleriſche Kräfte zählenden Liebhabertheaters, zu deſſen eifrigſten Acteurs ich bald zählte, ſchon ſicher in der Taſche trug. In der That fand ich dort, was mir das gemüthliche oberheſſiſche Induſtrieſtädtchen als Ge⸗ burtsort meiner Mutter in gewiſſem Sinne freilich ſchon früher war, eine zweite Heimath. Als ich etwa 2 ½ Jahre darauf von da nach der Reſidenz zurücküberſiedelte, um daſelbſt die durch meinen damaligen Freund und früheren Aſſiſen⸗Vertheidiger, ſpäteren erbitterten Partei⸗Gegner M.ℳz vermittelte angenehme Stellung eines Correſpondenten in einerTenommirten, inzwiſchen freiwillig aufgelösten dortigen Tapetenfabrik anzutreten, richtete ich auf dem mir zu Ehren im Caſino ſtattgefundenen feſtlichen Abſchiedsbankette an dieandächtige Trauer⸗Verſammlung, wie ich ſie ſcherzweiſe nannte, unter ſtellenweiſer eigner Rührung folgende Abſchiedsworte: Es fällt mir in der That ſchwer, Ihnen klar auszudrücken, welche Gefühle mich in dieſem Augenblicke bewegen, wo ich im Begriffe ſtehe, von dem ſeit meiner hieſigen Niederlaſſung mir ſo lieb gewordenen Kreiſe wohlmeinender, großen Theils auch ver⸗ wandtſchaftlich verbundener Freunde und Freundinnen öffentlich mich zu verabſchieden.Das Leben iſt ein ewig Abſchiedneh⸗ men, ſagt Heine in ſeinem Buche der Lieder. Meine an Orts⸗ und Schickſalswechſel ſo reiche Vergangenheit hat mir oft genug Veranlaſſung gegeben, die Wahrheit dieſes Satzes an mir ſelbſt zu empfinden. Aber ſo oft ich nun auch ſchon in der Lage war, dieſem und jenem zeitweiſen Aufenthaltsort und ſeinen mir be⸗ freundeten Bewohnern Valet zu ſagen, ſei es nun meiner Univer⸗ ſitätsſtadt Gießen oder meinen beiden Exilplätzen Straßburg und Zürich oder auch meinen kaufmänniſchen Statjonen Werrn und Frankfurt, ja ſelbſt meiner Vaterſtadt S An. noch nirgends iſt es mir, aufrichtig geſprochen, ſo ſehr hahe gegangen, mein ſeitheriges Nomadenzelt abzubrechen und Denen, die ich hinter mir laſſe, zum letzten Scheidegruß mein Taſchentuch noch einmal entgegenzuſchwenken, als gerade jetzt in unſrem lieben La der großſtädtiſcheſten aller oberheſſiſchen Kleinſtädte, nach der afs,