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Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
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wer weiß, wie bald, auch das Dampfroß der Locomotive tragen wird. Ob ſich ſchon die offenbaren Vortheile meiner Ueberſiede⸗ lung keineswegs verkennen laſſen: die wohldotirte unabhängige Stellung und geiſtig anregende Thätigkeit auf dem Comptoir eines Fabrikgeſchäftes von großartiger Ausdehnung und faſt europäiſchem Rufe, die meinen perſönlichen Neigungen und Dispoſitionen jeden⸗ falls weit mehr entſprechen, als der mit ſo vielfachen Widerwärtig⸗ keiten verknüpfte, alle Dorfſchenken der Umgegend durchſtreifende Verkauf von Brand⸗ und Aepfelwein ꝛc. an die durſtige Bevölkerung unſrer ohnehin ſchon ſchnapsüberſchwemmten Provinz, ferner die mancherlei Annehmlichkeiten und Genüſſe des Aufenthalts in der Reſidenz, wo ich in einem Kreiſe gleichgeſinnter, zum Theil ſogar auf den Gebieten moderner Wiſſenſchaft und Literatur namhafter Freunde und Studiengenoſſen von früher her eingebürgert bin, ob ſich auch alles Das als ſelbſtverſtändlich vorausſetzen läßt, ſo ſage ich doch nichtsdeſtoweniger unſerm Städtchen nur mit Be⸗ dauern Lebewohl. Wenn Sie mich nach dem Grunde fragen, der mir den hieſigen Aufenthalt ſo werth gemacht hat, ſo liegt meine Antwort in voller Uebereinſtimmung mit allen Denen, die vor mir eben ſo ungerne von hier fortgegangen ſind, auf flacher Hand. Es iſt die bekannte zwangloſe und cordiale Gemüthlichkeit des auf allſeitigem vertraulichem Familienverkehr beruhenden, weder durch büreaukratiſche Ueberhebung, noch durch gehäſſige Denunziatiönchen höherer oder niederer Beamten getrübten geſellſchaftlichen Lebens. Und in dieſer Beziehung gebührt nach meiner Erfahrung unſrem L.......... entſchieden der Vorzug vor allen übrigen Provinzialſtädten Oberheſſens. Dies offne Zugeſtändniß aus meinem Munde mag für Sie um ſo mehr Gewicht haben, als ich ſ. Zt. als etwas keck aburtheilender Studioſus mir bekanntlich einmal auf ziemlich oberflächliche Anſchauung hin erlaubt habe, die lieben Bewohner L.s als kraſſe Philiſter und die hieſigen geſellſchaftlichen Zuſtände als ſehr unerquickliche zu per⸗ ſiffiren. Es war das ein im Grunde unverdienter journaliſtiſcher Angriff, der, wie Sie wiſſen, den damaligen Landrath Hrn. F...... dahier bei meinem letzten vormärzlichen Weihnachtsferien⸗ Beſuche ſogar, ſeiner eignen Aeußerung zuſolge, einen förmlichen Volksauf⸗ ſtand gegen meine mißliebige Perſönlichkeit befürchten ließ und deß⸗ halb zur Rettung meines bedroht geglaubten Lebens veranlaßte, mich in ſehr menſchenfreundlicher Weiſe unter der Escorte zweier ſchnurrbärtiger Schutzengel von der löblichen Gensd'armerie und in der Chaiſe meines Schwagers und bisherigen Aſſocié's F. ge⸗ waltſam fortzuſchaffen. Jener Aufſtand iſt damals freilich nicht erfolgt, im Gegentheil haben ſich die Notabeln der Stadt, wovon Manche heute Abend unter meinen Freunden ſitzen, damals ſehr

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