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ehrenwerthen, aber der hohen Polizei gegenüber etwas gar ſpieß⸗ bürgerlich ängſtlichen Altliberalen aus der 1830er Schule, Nichts von dem an mir verübten adminiſtrativen Gewaltſtreiche merken zu laſſen. Ich nahm daher, hauptſächlich um ihm und meiner Familie in der oberheſſiſchen Heimath gegenüber den unangenehmen Eclat zu vertuſchen, in der Steinpappe⸗Fabrik von B.& L. zu Bornheim bei Frankfurt a. M. vorübergehend eine nur mit Frühſtück und Mittageſſen ſalarirte Commisſtelle ebenfalls als Facturiſt und Cor⸗ reſpondent an. Die beiden noch jungen Chefs waren meinem Ex⸗ Principal in W., ſowie durch denſelben auch mir befreundet und engagirten mich deßhalb im Grunde nur en passant aus perſön⸗ licher Rückſicht. Leider! hatte ich abermals meine Rechnung ohne den Wirth, d. h. die Unſereinem gegenüber allüberall maßgebende „heilige Hermandad“, die gerade am Sitze des damaligen hohen Bundestags beſonders rigoros war, gemacht. Kaum acht Tage nach meiner Ankunft, nachdem ich in allzu täppiſcher bona fides meine Legitimationspapiere abgegeben, erhielt ich eine Vorladung vor das Polizei⸗Departement des„Römers“. Ziemlich arglos da⸗ ſelbſt eingetreten, wurde ich von dem damaligen, noch ziemlich jugendlichen und höchſt urbanen Chef, Senator von O hen, auf das Liebenswürdigſte empfangen. Als ich auf ſein Befragen meinen, wie ich in aller Unſchuld glaubte, zur Zeit noch„ehrlichen Namen“ ohne Stottern nannte, erwiederte er mit etwas bedauernd verlängertem Geſicht:„Ah, Sie ſind Herr F. aus S., deſſen Paß zur Geſtattung der hieſigen Aufenthaltsbewilligung mir vorliegt?“„Zu dienen, Herr Senator!“„Entſchuldigen Sie, wenn ich, um unſre Sache gleich in's Reine zu bringen, die Gewiſſensfrage an Sie richte, ob Sie denn der bekannte R. F. ſind?“„Herr Doktor!“ war meine Antwort,„ich möchte Sie zur Vermeidung allenfallſiger Verwechs⸗ lungen doch freundlichſt bitten, mir das meinem Namen ertheilte Prädikat„bekannt“ gütigſt etwas näher motiviren zu wollen. Meine Familie, in der großherzoglich und kurfürſtlich heſſiſchen Umgebung faſt ausſchließlich aus ſoliden Blau- und Schönfärber⸗ Meiſtern beſtehend, iſt zugleich auch in Oeſtreich verbreitet. Jüngſt habe ich ſogar in dem Wochenblatte der Reſidenz von einem Ad⸗ vokaten gleichen Namens, wenn auch mit etwas veränderter Ortho⸗ graphie, aus Wien geleſen, zu deſſen nachträglichem Verwandt⸗ ſchaftsbeſuch im„Trauben“ ich leider! zu ſpät kam, und nach den Zeitungen ſoll außerdem vor einem Monat etwa ein allzu kecker Schneidergeſelle, Namens F.... beim Bergſteigen in der Schweiz verunglückt ſein.“„Ah!“ lächelte der Herr Senator,„warum wollen Sie ſo in die Weite ſchweifen, während Sie vermuthlich doch„ſo nahe liegen?“ Ich meine, ob Sie derjenige R. F. ſind, der, damaliger Student der evangeliſchen Theologie in Gießen,


