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Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
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Frau Directrice beſetzt war, erlaubte ich mir, vielfachen Auf⸗ forderungen des Publikums entſprechend, u. A. folgende kritiſche Bemerkungen:Was Frau S. alsMolly betrifft, ſo bedauern wir, daß unſre zuvor ſchon angedeutete Befürchtung, als möge bei allem künſtleriſchen Fleiße ihre Perſönlichkeit dieſer Rolle nicht genügen, ſich noch über unſre eigne Vorausſicht hinaus beſtätigt hat. Wir ſind weit entfernt, das Verdienſt der Frau S,, als einer unzweifelhaft begabten und durchgebildeten Schauſpielerin, hiermit irgendwie in Frage ſtellen zu wollen. Aber auf die Gefahr hin, des Mangels an Galanterie beſchuldigt zu werden, müſſen wir, in dieſer Hinſicht nur das getreue Echo vielſeitig und wiedverholt laut gewordener Stimmen aus dem urtheilsſähigen Pubikum, offen geſtehen, daß ihr für ſolche mädchenhaft naive Liebhaberinnen

durchaus, nicht etwa bloß in den äußeren Umriſſen der Figur, ſondern auch in dem ganzen Weſen die durch Locken und Schminke, Coſtüm und Mimik nicht zu erſetzende jugendliche Fülle und Friſche abgeht. Als tragiſche Heldin in vielen andern Stücken, ebenſo als junge Mutter oder Tante iſt ſie ſicher ganz an ihrem Platze, für eine Molly aber denn doch etwas zu alt! Daher ließ denn auch ihr, obſchon in Deklamation und Bewegung ſehr braves und durchdachtes Spiel das Publikum ſichtlich kalt. Die für den dramatiſchen Eindruck unerläßliche Illuſion, hier die von dem Dichter ſo glühend beſungene, noch halb kindlich jungfräuliche Molly vor ſich zu ſehen, war bei Frau S., die ſich neben der ungleich jugendlicheren Frau R. höchſtens als eine ſentimental⸗ blauſtrumpfige ältere Schweſter ausnahm, von vornherein total unmöglich, und inſofern mußte die Verirrung Bürger's, der, ob⸗ gleich bekanntlich kein Platoniker, der Einen zu Gunſten der Andren untreu wird, dem Geſchmack des Publikums doppelt unver⸗ zeihlich erſcheinen. Frau S., deren perſönlicher Einfluß bei der Wahl der Stücke und Vertheilung der Nollen bisher manchmal etwas zu fühlbar hervorgetreten ſein ſoll, weßhalb wir oft ſchon da und dort das hieſige Bühnen⸗Directorium einhalbes Pan⸗ toffelregiment nennen hörten, ſollte ſich doch allmählich dazu entſchließen lernen, dieſem Fache, das ſie bisher zu ausſchließlich als perſönliches Monopol ausgebeutet hat, nachgerade zu Gunſten einer jugendlicheren Nachfolgerin zu entſagen! Sie kann die künſtleriſche Nebenbuhlerſchaft einer Solchen füglich ohne Eifer⸗ ſucht ertragen und wird auf jenem anderen Gebiete gewiß bald weit größere Erfolge erringen, als es ihr in letzter Zeit auf dieſem möglich war. Nit einer ſolchen, wenn auch höflich verhüllten, in der Hauptſache von dem ganzen damaligen Theater⸗Publikum in W. gebilligten Recenſenten⸗Grobheit, die nur einen längſt ge⸗ fühlten Mißſtand mit möglichſter Schonung zur Sprache brachte,