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war ich bei der regierenden Frau Directriee verloren, und man prophezeihte mir ſofort eine öffentliche Scene. In derartigen kitz⸗ lichen Dingen werden bekanntlich„Weiber zu Hyänen und treiben mit Entſetzen Scherz“. Der nächſte Theaterabend brachte Raupach's „Vor fünfzig Jahren“. Ich ſtand arglos auf meinem gewohnten
Platze vor dem erſten Nang, als mich plötzlich— ich war momentan etwas zerſtreut— das ſchallende Gelächter des von allen Seiten mich anblickenden Publicums auf die Vorgänge der Bühne auf⸗ merkſam machte. Frau S. hatte nämlich, mich, ohne daß ich es recht merkte, aufſällig fixirend, in demonſtrativſter Weiſe die in dieſer Form improviſirten Worte hervorgeſprudelt:„Es gebe hier gewiſſe„ſchwarzgallige Kritiker“, die ſich über manche, ihrer eignen Faſſungskraft unzugängliche Dinge ein vor⸗ lautes Urtheil anmaßten, als ob ſie davon irgend Etwas ver⸗ ſtänden! Man werde ſich aber durch ſolches Recenſenten⸗Gekläff ganz und gar nicht irre machen laſſen; das möchten ſich die Herren von der ſpitzen Feder nur merken!“ Alles blickte, auch ohne näheres Verſtändniß durch die höchſt draſtiſchen Handbewegungen der furioſen Frau Directrice veranlaßt, unter olympiſchem Gelächter bis zur Gallerie herauf, nach mir, der ich zwar nur die Schluß⸗ worte deutlich gehört und verſtanden, jedoch vorſichtig zurücktrat, weil ich faſt befürchten mußte, daß möglicher Weiſe die Finger⸗ nägel der erbosten Künſtlerin mit meinen Augen in Berührung kommen dürften. Im Uebrigen machte ich klüglich gute Miene zum böſen Spiele und lachte herzlich mit. Von da an ſtrafte ich Frau S. durch gefliſſentlich vollſtändiges Verſchweigen ihrer eignen dramatiſchen Leiſtungen, bis endlich ihr Gemahl mich bitten ließ, Gnade für Recht ergehen zu laſſen.
Zu den intereſſanteſten Epiſoden meiner theatraliſchen Recen⸗ ſenten⸗Thätigkeit gehört auch die gelegentliche Kritik Niemann's, des ſpäter ſo berühmt gewordenen Tenoriſten, der damals noch als naturwüchſiger, der nachherigen gründlichen Schulung entbehrender Anfänger mit wandernden Truppen, ſogenannten„Schmieren“, herumzigeunerte. Wenn er ſpäter als einer der gefeiertſten Helden⸗ ſänger Deutſchlands auf der Bühne unſrer Reſidenz, der er einſt als beſcheidner Choriſt angehört, gaſtirte, pflegte er, der Tact ge⸗ nug beſaß, ſeine beſcheidnen Antecedentien niemals zu verläugnen, unter ſeinen Collegen gar oft mit Humor meine ſorgfältig aufbe⸗ wahrten damaligen Zeitungskritiken über ſeine künſtleriſchen An⸗ fänge in W. zu citiren. Ich ſelbſt erinnere mich nur noch ober⸗ flächlich derjenigen ſeines„Max“ im Freiſchütz. Darin rügte ich ſein noch etwas hölzern ungelenkes Spiel, das ſich inzwiſchen frei⸗ lich, ohne Zweifel unter dem Einfluſſe ſeiner nun geſchiednen Frau,
der trefflichen Marie Seebach, in das entſchiedne Gegentheil, ein


