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Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
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eignen kleinen Hausbedarfs, in einem bayriſchen Nachbarſtädtchen ſtehen wir ſammt Frau und Kindern auf dem alten cordialen

Fuße.

Unter meinen Schnüren und Bändeln, Knöpfen und Nadeln ꝛc. ꝛc. lebte ichſtill und harmlos, wie Wilhelm Tell vor dem verhängnißvollen Apfelſchuß. Meine von dem ſpäteren Bürger⸗ meiſter B., damaligen Polizei⸗Commiſſär, ausgeſtellte Aufenthalts⸗ karte lautete ausnahmsweiſegültig auf Wohlverhalten(, und auf mein desfallſiges Befragen hatte mir derſelbe, wie ich gerne zugeſtehe, ein höchſt humaner Beamter, erklärt, daß ich mich jeder politiſchen Agitation, ſei es nun in Vereinen und Ver⸗ ſammlungen oder in der Preſſe, nach den ihm gewordenen ſtrieten Inſtructionen enthalten müſſe. Natürlich reſpectirte ich, als gebranntes Kind das Feuer ſcheuend, dieſes polizeiliche Interdict ſtrengſtens. Da mich aber nun einmal ganz unwiderſtehlich die Schreibfinger juckten, ſo warf ich mich, um keine Politik, ſondern, faute de mieux, nur neutrale Aeſthetik zu treiben, auf das damals durch meiſt ziemlich mittelmäßige, übrigens auch einige wenige ſchätzenswerthe Kräfte vertretene Theater einer wandernden Truppe, welche gerade in W. ihren Thespiskarren aufgeſchlagen hatte. Dieſe, ſtellenweiſe über Gebühr geharniſchten Theater⸗ Recenſionen, welche in dem Blatte eines jetzt nationalliberalen, mir trotzdem aber heute noch werthen Freundes erſchienen, bildeten wegen ihrer meiſt pikanten, gewiſſe Anzüglichkeiten klug verſchleiern⸗ den Haltung den Gegenſtand lebhaften Klatſches in allen Kaffee⸗ geſellſchaften unſres großen Kleinſtädtchens. Namentlich waren ſie dem Director S.....der nicch vergebens durch ein ſofort mit ſittlichſter Entrüſtung zurückgewieſenes Freibillet zu captiviren ſuchte, und ſeiner mitdirigirenden Frau ein Dorn im Auge. Auch die Bitten aller meiuer Freunde und Bekannten, welche für dieſe oder jene Actrice irgend ein perſönliches Faible hatten, prallten an mei⸗ ner rhadamanthiſchen kritiſchen Unbeſtechlichkeit ab. Darüber kam es ſogar zuletzt zu einer öffentlichen Scene, die dem Theater⸗ Publikum zu großer Heiterkeit, mir ſelbſt aber zu ſolchem Aerger gereichte, daß ich die Recenſenten⸗Feder in die Ecke warf. Die bei der Rollenvertheilung entſcheidende Frau Directrice, eine an ſich verdienſtvolle denkende Künſtlerin, aber ſichtlich ſchon etwasan⸗ gejahrt, hatte die Schwäche, vorzugsweiſe gerne jugendliche Lieb⸗ haberinnen ſpielen zu wollen, worüber ich mir nur hin und wieder einige zartverblümte gelegentliche Andeutungen unter decentem Hinweis auf jüngeres, ebenfalls talentirtes weibliches Perſonal erlaubte. Als nun zum erſten Mal der nach meines Freundes Otto Müller trefflichem Roman von Moſenthal dramatiſirteBürger gegeben wurde und darin die jüngere Schweſter Molly durch die