Druckschrift 
Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
Entstehung
Seite
234
Einzelbild herunterladen

234

war, ſo wünſchte er par revanche zum Aerger ſeiner officiellen Gegnerſchaft eine recht eclatante Demonſtration zu machen, und dazu ſchien ich ihm als neu zu engagirender Commis gerade die geeignetſte Perſönlichkeit. Er bot mir ſofort fl. 250 Salair bei freier Koſt an. Das war für meine Mutter ein non plus ultra und, meine Rückkunft nicht einmal abwartend, hatte ſie mir ſchon den Koffer zur Reiſe gepackt. Ohne beſondre Hoffnung, nur um etwaigen ſpäteren Vorwürfen zu entgehen, fuhr ich über den Rhein. Ganz gegen mein Erwarten war bei der mir von vorn⸗ herein ſympathiſchen, nichts weniger als pedantiſchen Perſönlich⸗ keit des jugendlichen Chefs das Engagement ſehr raſch abgeſchloſſen. Nach einigen Tagen ſchon ſiedelte ich, zur großen Erleichterung der Frau Mama, mit Sack und Pack nach meinem neuen Beſtim⸗ mungsorte über. Dort fand ich am Comptoirpult und im Magazin eine weit umfangreichere und anregendere Beſchäftigung, als ich mir gedacht hatte. Unſer männliches Perſonal man nannte uns in W., wenn wir Commis' Abends ſelbander in's Bierhaus oder Café zogen, nach der Firma nur dieKaiſerlichen betrug volle 10 Köpfe, darunter ein alter jovialer Buchhalter aus einem früheren Frankfurter Bankhauſe, 2 Reiſende, 2 Magaziniers, 1. Facturiſt, 1 Correſpondent(ich ſelbſt), 1 Commis, zugleich für den von einer ſehr vierſchrötigenMamſell beſorgten Laden, und 2 Lehrlinge. Da meine politiſchen Antecedentien mich unter dem, durchweg mit dem friſchen Humor und freien Sinn des Rheinlan⸗ des begabten Perſonal von vornherein populär machten und ich mich auf dem Anfangs fremden Gebiet mit einer gewiſſen Schüch⸗ ternheit bewegte, der Jeder gerne entgegenkam, ſo war unſer geſchäftliches, wie außergeſchäftliches Zuſammenleben ein höchſt gemüthliches, was mich ſpäter unwillkürlich an die in ihrer Art prächtigen Federzeichnungen aus G. Freytag'sSoll und Haben erinnerte. Vor Allem gedenke ich mit lächelnder Rührung an Dich, mein lieber Fritz Kitz, mit dem ſtattlichen rothen Vollbarte und den ſchelmiſch blinzelnden Augen, wenn du, der deſignirte Haupt⸗Spediteur des Hauſes, die Feder hinter'm Ohr, das lange Verſandtbuch unter'm Arm, mit dem Schwärze⸗Pinſel in der Hand die im Hofe aufgeſtapelten Ballen und Bällchen ſignirteſt! Mit welcher kurzwaarenhaften Feldherrn⸗Miene überflogſt du die Reihen der vor dir liegenden zahlreichen Colli, ob ſie alle Buch⸗ ſtaben und Nummer trugen, und tratſt dann herein an den Pult, um deine Frachtbriefe zu ſchreiben! Er und ich, wir Beide von rothem Bart und rother Geſinnung, zugleich von der Mutter Natur mit einer guten Doſis geſunden Humors begabt, waren von vornherein die Unzertrennlichen und noch heute er iſt nun wohlbeſtallter Weinhändler, ſelbſtredend zugleich Lieferant meines