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Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
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purem Javatabak noch im Correctionshauſe eigenhändig gewickelt und gedeckt habe. Die kannſt Du ihm in meinem Namen mit Gruß überreichen, er ſoll ſie ſich mir zu Ehren ſchmecken laſſen. Aber, F., bemerkte der Sohn ſeines Vaters herzlich lachend, mein Alter raucht ja gar nicht.Nun, meinetwegen, lachte ich nicht minder,ſchadet auch Nichts. Auf dem letzten Frankfurter Friedens⸗Congreß, wo er Präſident war, hat ihm ja der Indianer⸗ häuptling Ki Cha Bow, oder wie der Kerl heißt, feierlich auf der Tribüne eine Original⸗Friedenspfeife überreicht. Die muß er denn doch honoris causa von Zeit zu Zeit einmal in Dampf ſetzen, und da mag er ſich meine correctionelle Straf⸗Cigarre in Gottes Namen, klein geſchnitten, hineinſtopfen!Damit haſt Du nicht Unrecht! war die von entſprechendem gutem Humor dictirte Ant⸗ wort.Ich will's ihm beſtens beſorgen.

Als ich nach Hauſe zurückkehrte, brach meine gute Mutter, ihren einzigen Sohn und Liebling in die Arme ſchließend, in laute Thränen aus. Und ſo ſehr ich mich unterwegs für dieſen Moment gewappnet, wurden doch trotz allen Sträubens meine eignen Augen etwas feucht. Wie mochte die in ihrer Art höchſt achtbare alte Frau, die freilich für ſolche Ausnahmeverhältniſſe, wie die meinigen, gar keinen rechten Maßſtab hatte, viele ſtille Nächte lang ſeit unſerm letzten Auseinandergehen um mich gelitten haben!Sei nur ruhig, Alte! rief ich ihr mit etwas forcirtem Humor entgegen. Laß in Gottes Namen ein Kalb ſchlachten, wie der Vater im Evangelium! Dein Sohn, der verloren war, iſt wieder⸗ gefunden worden. Und, ſo fuhr ich, um die beiderſeitige momentane Rührung durch einen ſchlechten Witz zu verjagen, lachend fort:Siehſt Du! Du haſt mir immer geſagt:Wenn ich's nur noch erlebe, daß Du dir einmal dein eignes Geld verdienſt! Da haſt Du zum Anfang einen preußiſchen Thalerſchein als meinen Darmſtädter Arbeits⸗Ueberverdienſt für Streichholzleſen und Cigarren⸗ wickeln. Weiteres wird ſchon nachfolgen!Ach Gott! ſeufzte ſie, den Schein übrigens, wenn auch nur der Curioſität halber, ſorgfältig aufhebend,von ſolchem Verdienſt will ich lieber doch Nichts wiſſen.

Die Tage der unfreiwilligen Muße nach meiner Freilaſſung daheim waren bei der völligen Unſicherheit über meine Zukunft die peinlichſten, die es je für mich gegeben hat. Für zweckloſes Bum⸗ meln war ich nicht geſchaffen. Ich ſchämte mich faſt, ſchon im Alter von 25 Jahren meiner Mutter die Beine noch unter den Tiſch ſtrecken zu müſſen, und die paar obligaten Redensarten über mein ziemlich wohlfeilespolitiſches Märtyrerthum bei gelegentlichen Ovationen von Seiten noch ſo ehrlicher Geſinnungsgenoſſen, denen ich allmählich mit gewiſſer Scheu aus dem Wege ging, widerten