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Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
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ſtarre Geſichter zeigten, wie aus Holz geſchnitzt, zuckte ich mit keiner Miene mehr, ſondern pflegte den meiſten Univerſitätskameraden gegenüber, ſo lange ſie ſelbſt nicht die Initiative der Begrüßung ergriffen, mit wahrhaft indianiſcher Ruhe mich zu geriren, als hätten wir uns unſre Lebtage noch nicht geſehen. Dieſer erſte Eimer kalten Waſſers vom Paradeplatz der Reſidenz, wo ich frei⸗ lich noch, ſo zu ſagen, nach dem Correctionshauſe duftete, hatte meine urſprünglich gar freudige Naivetät bei ſolchen Wiedererken⸗ nungs⸗Scenen für lange Zeit abgekühlt und es wurde von da an, nach A. Becker's klugem Rath, zur unverbrüchlichen Regel für mich, alte Jugendbekannte nicht eher als ſolche anzureden, bis ſie mich ſelbſt auch ausdrücklich begrüßt hatten. Da ich mir nicht das Geringſte vorzuwerfen hatte, ſo erfüllte mich das verlegene Stillſchweigen und Ausweichen alter Commilitonen bei gelegent⸗ lichem Aufeinanderſtoßen zuletzt mit einer gewiſſen ſtolzen Verachtung. DasHic niger est, hunc tu, Germane, caveto! was auf ihren verlegenen Geſichtern ſtand, kitzelte mich ſogar zuweilen und es gereichte mir zuletzt zu einer Art grauſamen Vergnügens, wenn ich Einen von ihnen an öffentlichem Orte in größerem Kreiſe traf, ihn plötzlich als Theilnehmer oder Zeugen irgend eines con amore aufgetiſchten gemeinſamen muthwilligen Gießener Studentenſtreichs zu citiren. Eine ehrenwerthe Ausnahme von dieſer traurigen Regel machte u. A. an demſelben Morgen, wo mir jene unangenehme Scene paſſirte, auf demſelben reſidenzlichen Paradeplatze der da⸗

malige Regierungs⸗Acceſſiſt, jetzige Miniſterialrath B. Jasp, Sohn amn

des inzwiſchen penſionirten Miniſterpräſidenten, für deſſenAmts⸗ ehrenbeleidigung ich meine Haft hatte verbüßen müſſen. Eine treuherzige Natur, wie ich ihn wenigſtens mir gegenüber ſtets gefunden habe, reichte er mir mit der etwas naiven Frage die Hand:Ei guten Morgen, F.! Wo kommſt Du her?Wenn Du's wiſſen willſt, lieber J..., geraden Wegs aus dem Corrections⸗ haus, in das mich Dein Alter 6 Monate hat einſpinnen laſſen! Als der mir befreundete Sohn ob dieſer unangenehmen Reminis⸗ cenz an die frühere miniſterielle Thätigkeit ſeines Vaters ſichtlich in einige Verlegenheit gerieth, antwortete ich lachend:Nun, da⸗ drum keine Feindſchaft nicht! wie der Berliner ſagt. Es iſt jetzt glücklich vorbei und wäre ich nicht über Deinen Vater geſtolpert, ſo würde mir's wohl bei einem Andern paſſirt ſein; denn ungerupft wäre ich doch nicht davongekommen! Als mein Freund in ſeiner Gutmüthigkeit auf dieſe Bemerkung erwiedern wollte, unterbrach ich ihn mit den Worten:Du brauchſt mir wegen der abgemach⸗ ten Geſchichte keine Rede zu halten. Damit Du ſiehſt, wie wenig ich deßhalb Deinem Vater grolle, haſt Du hier eine von den hundert Cigarren, die ich zum Geſchenk für Freunde und Bekannte aus 29