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riſtiſch mitbetheiligter„Maſchinenmeiſter“ ſich ebenfalls noch beſtimmt erinnert, am fraglichen Morgen das allgemeine Bonmot in der Stadt cirkulirte: der Großherzog laſſe meine heutige Freilaſſung anſchießen!“ Es wurde darüber viel gelacht und ich ſelbſt, nachdem mich mein Freund und„geheimer Fonds“⸗ Verwalter, H. Kech, gegen 10 Uhr per Droſchke ins Freie ab⸗ geholt, lachte bei der oft genug wiederholten desfallſigen Frage und Antwort natürlich am Meiſten. Wir gingen denſelben Morgen
noch an dem, vom ganzen Oſffſiziercorps mit den Muſikcapellen
feſtlich beſetzten Paradeplatz vorbei. Dort ſchloß ſich uns mein ſchon früher erwähnter Freund Auguſt Becker, damals Abgeordneter der zweiten Kammer, an. Es war das ein für loyale Gemüther
„höchſt unerbauliches, ſo zu ſagen,„politiſch⸗liederliches Kleeblatt“,
denn Bäcker K.. h hatte in den 30er Jahren wegen der damaligen ſ. g. demagogiſchen Umtriebe Jahre lange geſeſſen und ich ſelbſt kam als„friſchgebackener“ Epigone erſt aus dem Kerker. Da wir Arm in Arm gingen, ſo fielen wir, zudem bei A. Becker's etwas ungeſchlachter wohlbekannter Figur, dem verſammelten Feſt⸗ publikum einigermaßen auf und, wie ich ſpäter erſt deutlich wahr⸗ nahm, wichen mir faſt alle meine mehr oder minder bekannten, mich von Weitem erkennenden Univerſitätsgenoſſen, die, ſchon mit dem einen Fuß im Steigbügel des Staatsdienſtes, meiſt zu den ſogenannten„Strebern“ gehörten, von Weitem ſorgfältig aus. Dies verſuchte u. A. auch in ähnlicher Weiſe, nur vergeblich, ein mir bereits zu nahe gekommener, inzwiſchen zu den Orthodoxen übergetretener, weiland theologiſch⸗rationaliſtiſcher Studiengenoſſe, jetzt Pfarrer in der Nähe der Reſidenz. In der unwillkürlichen erſten Freude des Wiederſehens nach längerer Trennung und ohne au die etwaigen„dienſtlichen“ Inconvenienzen einer Wiedererken⸗ nungsſcene an öffentlichem Orte zu denken, ſtürzte ich mit dem Rufe:„Ei guten Morgen, Weltſchmerz!“(es war das ſein ſtudentiſcher Spitzname) auf ihn zu. So unerwartet coram omni- bus von einem öffentlich bekannten, kaum entlaſſenen politiſchen Sträflinge begrüßt, gerieth der arme Schlucker zu meiner naiven Ueberraſchung ſichtlich in die peinlichſte Verlegenheit. Purpurroth im Geſichte, ſtotterte er:„Guten Morgen F.! Ein andermal!“ und eilte, mir den Rücken wendend, auf und davon. Im erſten Augenblicke war ich über dieſe Characterloſigkeit empört und wollte ihm nach. Auguſt Becker aber fiel mir in den erhobenen Arm mit den nüchternen Worten:„Sei ruhig, Kleiner! Das wird dir noch mehr paſſiren, und du mußt dich bei Zeiten daran gewöhnen!“ Und er hatte Recht, der alte Practikus, die Wieder⸗ holungsfälle waren leider häufig genug. Später aber, wenn ſogar ehedem näher vertraute akademiſche Schmollisbrüder mir gegenüber


