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logie übergegangen! Je nun, ich zuckte zu beiden Enttäuſchungen —„wer weiß, wozu es gut ware!“ ſagt der deutſche Philiſter— mit philoſophiſcher Reſignation die Achſeln. Die letztere habe ich im Schooße eines glücklichen Familienlebens längſt ſo ſehr verwunden, daß ſie manchmal ſchon zum Gegenſtande heiteren Scherzes für mich geworden iſt, nicht ſo bald aber die erſtere, daß mir die erſehnte Advokatur, auf welche mich Talent und Neigung vorzugsweiſe hinwieſen, und bezüglich deren mir immer das Wort Jean Paul's aus deſſen„unſichtbarer Loge“ vorſchwebte: „Ein Advokat iſt der einzige Volkstribun gegen die Regierung“, in Folge der Correctionshaushaft und damit verknüpfter ſpäterer Maßregelung des akademiſchen Senats verſperrt worden iſt. Im Uebrigen betrachtete ich damals meine im Ganzen etwa 1 ½2jährige Haft faſt heiteren Muthes im Grunde nur als eine etwas gar ausgedehnte Verlängerung meiner mehrwöchentlichen ſtudentiſchen Carcerſtrafen. Mit letzteren verbüßte ich wohlverdien⸗ ter Maßen den burſchikoſen„Auszug“ nach Stauffenberg, mit erſterer den politiſchen nach Baden ec., und das consilium abeundi, was ich in der erſten Periode hatte„unterhauen“ müſſen, war in der zweiten aus dem ſenatlichen Rath in die ſtaats⸗ polizeiliche That übergegangen. Es blieb mir post tot discrimina rerum wohl oder übel gar nichts Andres übrig, als den„alten Adam aus⸗ und den neuen Menſchen anzuziehen“, obgleich leider! auch für den letzteren, der ſelbſtredend nicht ſtreng„nach Gott ge⸗ ſchaffen war in rechtſchaffener Gerechtigkeit und Heiligkeit“, das alte Wort des Horaz gelten ſollte: „Naturam expellas furca, tamen usque recurret!“
Auf die akademiſche Relegation, die ich übrigens durch heimlichen Aufenthalt unter meinen bürgerlichen Gießener Freunden, bei„Spritz⸗Fahrten“ nach den Ausflugsorten der Umgegend durch die Stadt hindurch unterm Spritz⸗Leder verborgen, fröhlich zu um⸗ gehen wußte, ſollten bald bürgerlich⸗polizeiliche Ausweiſungen folgen, da ich eben unverbeſſerlich blieb. Und darum konnte ich nie ein Lächeln unterdrücken, wenn ich ſpäter im Brockhaus'ſchen Converſations⸗Lexikon(XI. Auflage, 4. Bd., S. 757) las:
„Correctionshäuſer nennt man die Zwangsarbeitshäuſer, in denen Mißiggänger, Bettler, Vagabunden u. ſ. w.(Das„Und ſo weiter“ gilt ſicher auch für mich!) zur Arbeit, überhaupt zu einem ordnungsmäßigen Leben angehalten werden.“
Die obige„Gabel“ des Horaz hat mir wahrlich nicht gefehlt und ich trage die Narben ihrer plumpen Stiche. Aber die alte„Natur“ iſt mir trotzdem noch bis heute geblieben und ſie möge mir, da ich durch die„kurculae Caudinae“ niemals zu gehen gedenke, bleiben bis zum letzten Augenblicke!———


