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verlief. Es waren das eben„le mie prigioni“ wie Silvio Pellico ſeine Erlebniſſe als politiſcher Gefangener vom öſterreichiſchen Spielberg betitelte. Freilich mit dem vieljährigen Märtyrerthum des berühmten italieniſchen Patrioten nicht im Entfernteſten zu vergleichen. Dafür war ich auch glücklicher Weiſe der Gefahr nicht ausgeſetzt, zuletzt, gleich JFenem, dem Myſticismus zu verfallen. Vielmehr geht aus Vorliegendem, vielleicht zum Mißbehagen man⸗ ches gläubig loyalen, hinter den Kerkergittern die obligate„Zer⸗ knirſchung“ bei mir vorausſetzenden Leſers, klar genug hervor, daß ich, durch dieſe mit gründlicher Privatlectüre und ſtiller Rück⸗ und Selbſtſchau verbundene unfreiwillige Muße und den meinerſeits ungeſuchten Verkehr mit früheren akademiſchen Fachgenoſſen von der„Mutter Kirche“ in meiner antitheologiſchen und politiſchen Ketzerei nur noch mehr beſtärkt, meinen früheren unverwüſtlichen Humor, ſowie den Leſſing'ſchen„Zweifel“ lange nicht verloren hatte. Schrieb ich doch, als ich noch aus der Unterſuchungshaft heraus jener in den Straßburger Flüchtlings⸗Erinnerungen kurz erwähnten„blonden Sie“ heimlich mein Bild ſandte, voll ſieges⸗ gewiſſer Hoffnung auf die demnächſtige, uns Alle im Triumphe befreiende(?) ſiegreiche Revolution die Verſe G. Herwegh's darunter:
„Vom hohen Thurme ſchauet ein Aar—
Denk' mein, Feinliebchen, o denke!
Dort ruhet mein Arm, dort bleichet mein Haar;(⁷) Doch über drei Tage und über ein Jahr— Schenk' ein, mein Liebchen, o ſchenke!—
Da läuten die Völker zum heiligen Sturm, Wir leeren die Gläſer und ſteigen vom Thurm! Gott grüße Dich, Liebchen!“—
Das waren freilich hinterdrein getäuſchte Hoffnungen. Nach meiner Entlaſſung aus dem Correctionshauſe— von einem„hohen Thurme“, etwa mit dumpfem Verließ, worin„mein Haar bleichte“, konnte ſelbſtverſtändlich keine Rede ſein!— haben „die Völker“, welche im Gegentheil das alte humoriſtiſche Studentenlied„Europia braucht Ruh'“ fortwährend im vollſten Ernſte ſingen, noch bis heute nicht„zum heiligen Sturm geläutet“, und„Sie“, jetzt ehrſame wohlconditionirte Frau Pfarrerin, war bräutlich zu der von mir ſchnöde verlaſſenen Theo⸗
eyniſchen Lachen,„hoffentlich ſehen wir uns in Rockenberg!“ Nit dieſem tröſt⸗ lichen au revoir! ging ich kopfſchüttelnd weiter und dachte ſeufzend an die alte Reichspolizei⸗Verordnung, welche„Studenten, Seiltänzer, öffentliche Dirnen und anderes Lumpengeſindel“ bekanntlich in einen Topf wirft. Daß meine Kameradſchaft von ſolcher Seite reclamirt werden würde, hätte ich mir nicht träumen laſſen.
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