Druckschrift 
Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
Entstehung
Seite
220
Einzelbild herunterladen

220

einer gar dienſtwilligen, auch politiſch⸗ſympathiſchen, meinen ver⸗ gitterten Vorfenſtern gerade gegenüber wohnenden Reſidenz⸗Griſette, die mir Tag für Tag als unermüdlicheRepublikanärrin, wie ich ſie ebenfalls nannte, behufs der prompten Expedition meiner Zeitungen, Briefe und geheimen Victualien die Botengänge in die Stadt beſorgte. Sie iſt nun ſchon ſeit einer Reihe von Jahren todt. Sanfte Nuhe meinerrigolette! Von ihr erfuhr ich eines Sonntag⸗Morgens, als gerade meine Kameraden nebenan in der Kirche ſaßen, die Nachricht von der glücklichen Flucht Gottfried Kinkel's aus dem Spandauer Zuchthauſe, die ich mit einer ſtillverſchwiegnen Flaſche Rothwein aus meinem geheimen Keller gewiß ein polizeiwidriges Accompagnement zu der nebenan ertönenden offiziellen Bußpredigt feierte. Warum ſoll ich indeß ſolcherlei Erlebniſſe, die beim vorübergehenden Einblicke von außen gar intereſſant ausſehen, für die unfreiwilligen Internen aber mitunter verzweifelt langweilig ſind, in die Breite ſpinnen, zumal da ich keine praktiſch illuſtrirte Abhandlung über die verſchiedenen Gefängniß⸗Syſteme(wovon ich übrigens das iriſche für das beſte halte) zu ſchreiben gedenke?! Eine Schilderung der früheren 10monatlichen Unterſuchungshaft in den Provinzial⸗Arreſthäuſern der Univerſitäts⸗ und Reſidenz⸗Stadt mochte ich darum gar nicht vorausſchicken, da dieſelbe, mit Ausnahme gelegentlicher Intermezzo's an erſterem Orte*), in der Iſolirzelle doch etwas gar monoton

*) Ein in ſeiner Art höchſt erbauliches Zwiegeſpräch hatte ich u. A. während meines täglichen Nachmittags⸗Spaziergangs mit der, wegen Ueber⸗ ſchreitung ihrer polizeilichen Confination und Mißhandlung eines Gensd'armen bei Gelegenheit ihrer Heimweiſung verhafteten, damals ziemlich allgemein, mir ſelbſt aber bis dahin nur par renomméce bekannten Courtiſane, der ſogenann⸗ tenPrinzeſſin von Lich. Ohne daß ich nur die unfreiwillige Kamerad⸗ ſchaft mit einer damals ſo eigenthümlich celebren Perſönlichkeit ahnte, rief ſie mir plötzlich während meines Spaziergangs von ihrem offnen Fenſterchen aus die vertrauliche Frage entgegen, ob ich nicht der Herr F. ſei? Als ich kurz bejahte, nannte ſie ohne alle Zimperlichkeit ſofort ihren obigen nom de guerre. Nun, Fräulein, fragte ich ſie,weßhalb ſitzen Sie denn eigentlich hier? Ei, erwiederte die Dirne lachend,gerade wie Sie, auch wegen der Republik! Ich habe einen Gensdarmen geſchlagen, weil er mich arretiren wollte, während ich mich doch ganz ehrlich zu ernähren ſuchte. Das hätten Sie ſich gewiß auch nicht gefallen laſſen, Herr F.!Je nun, war meine reſervirte Antwort unter Achſelzucken,es kommt eben Alles auf die Umſtände an Aber den Herren Gensd'armen gegenüber ſoll man ſich doch etwas in Acht nehmen! Einerlei, fuhr mein unerwartetes Gegenüber keck vertraulich fort.Wahr⸗ ſcheinlich komme ich diesmal nach Rockenberg(in das Zuchthaus von Marien⸗ ſchloß). Kommen Sie auch dorthin?Ja, mein Fräulein, replicirte ich trocken auf dieſe Frage aus ſolchem Munde,das kann ich Ihnen eben noch nicht genau ſagen. Vielleicht werde ich ganz freigeſprochen, vielleicht komme ich auch in das Correctionshaus, ſchwerlich aber ins Zuchthaus!Nun, ſo ſchloß der intereſſante Dialog par distance von Seiten der Dante mit einem gewiſſen