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aller Staatsbürger vor dem Geſetze ſind.“ Der darin liegende offenbare Hohn trieb mir das Blut in's Geſicht und ich vermochte meine Indignation kaum zu bemeiſtern.„Herr Regierungs⸗ rath— denn das iſt Ihr Titel, wie ich höre—!“ erwiederte ich raſch,„ich ſinde es nicht ſehr delicat von Ihnen, in meiner momentanen Lage Ihnen gegenüber zum Schaden auch noch den Spott zu fügen. Gerade die Gleichheit Aller vor dem Geſetz, die allerdings mein Parteiprincip iſt, aber nicht nur buch⸗ ſtäblich angewandt werden darf, hätte hier zu meinen Gunſten ſprechen ſollen. Oder glauben Sie etwa wirklich, für mich, einen gebildeten Menſchen, deſſen Ehrenhaftigkeit ſelbſt der Staatsanwalt nicht beſtritten hat, wäre die halbjährige Einſperrung unter dieſe Leute da bei Waſſer und Brod, Erbſen⸗, Bohnen⸗ und Linſen⸗ Suppe und die mechaniſche Arbeit an dieſem Schwefelholzkaſten nicht eine mindeſtens noch einmal ſo empfindliche Strafe, als für jeden Andern, den Sie hier um mich herum ſehen? Ich werde der Regierung nicht den Gefallen thun, um Gnade zu bitten, aber nachdem man mich einmal in's Correctionshaus, ſtatt ſo gut, wie viele Andere mit weit ſchwererer Verurtheilung, in die Feſtung verwieſen, durfte ich im Intereſſe der Billigkeit und moraliſchen Gleichheit der Behandlung eine Trennung von meiner gegenwärtigen Kameradſchaft, von deren Character Sie ſich durch eigne Anſchauung überzeugt haben werden, gewiß ver⸗ langen. Meine Partei iſt unterlegen, und ich ſitze hier. Wenn wir geſiegt hätten, würden Andere an meiner Stelle, aber gewiß nicht mitten unter Dieben, Fälſchern und Vagabunden, ſitzen!“ Der Herr Regierungsrath, auf dieſe mit zitternder Erregung hervorgeſprudelte Antwort in einiger Verlegen⸗ heit, räusperte ſich ein paarmal, zuckte dann ſtillſchweigend die Achſeln und entfernte ſich. Von da an war ich keiner ähnlichen offiziellen Beaugenſcheinigung mehr ausgeſetzt.—
Damit ſchließe ich die flüchtige Scizze meines halbjährigen Correctionshaus⸗Arreſts, bezüglich deren, nachdem ſie zuerſt in der Didaskalia erſchienen, mein Freund und Vogelsberger Landsmann Otto Müller ſ. Zt., Angeſichts des allerdings gar dankbaren Stoffs, als belletriſtiſcher Schriftſteller von Fach öfter bedauert hat, daß ſie nur eine etwas haſtig hingeworfene Federzeichnung geblieben ſei. Ich hätte ſie allerdings viel breiter ausmalen können, namentlich da auch das für eine Novelle ſeines Genre's unentbehr⸗ liche erotiſche Element— ſelbſtredend par distance, alſo rein „platoniſch“— gleichzeitig nach der Front und zur Seite meiner kleinen Baſtille mit hereinſpielte.(U. A. gedenke ich noch mit einer gewiſſen Rührung meiner nach den C. Süe'ſchen„Pariſer Geheimniſſen“ alſo von mir getauften fröhlich flinken„Lachtaube“,


