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Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
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tungen beendigt, und nun ſtrömte die ganze Bande mit unbeſchreib⸗ licher Spannung in den großen Arbeitsſaal, worin Tiſche und Bänke bereits nach meinen Anweiſungen zurechtgeſtellt waren. Rechts an der Wand ein kleiner Tiſch mit Stühlen für den Aſſiſenhof, gegenüber eine Bank für die Geſchwornen, quer über dazwiſchen eine für den Angeklagten, neben dem ſich auf der einen Seite ſein Vertheidiger, auf der andern aber der von mir ernannte Straf⸗ vollſtrecker, ein baumlanger Burſch mit derben Dreſcherfäuſten, niederließen. Der Letztere ſchien ſich auf die Ausübung ſeiner Functionen ganz beſonders zu freuen. Wenigſtens wickelte er mit einem grimmigen Seitenblick auf ſein vorausſichtliches Opfer gleich die Aermel herauf und flüſterte mir zu:Herr Doctor, machen Sie's nicht zu gnädig!

Nachdem ich dem Aſſiſenhofe ſeine Plätze angewieſen, hielt ich vor Allem eine energiſche Anſprache an die Verſammlung, worin ich ſie darauf aufmerkſam machte, daß die bevorſtehende Verhandlung nicht etwa ein Schauſpiel zu ihrer Beluſtigung ſei, ſondern eine ſehr ernſte Seite habe, wovon ſie ſich bald überzeugen würden, und Alle zur Beobachtung ſtrengſter Ruhe ermahnte. Ich nannte die Namen der Mitglieder des Hofes und des Vertheidigers, ſowie mich ſelbſt als Staatsanwalt und ſchritt ſodann zur Ziehung der Ge⸗ ſchwornen. Von dieſen wurden drei als dem Angeklagten zu feind⸗ lich durch den Vertheidiger und eben ſo viele aus entgegengeſetzten Gründen durch mich rekuſirt, und die erwähnten Sechs ließen ſich als Vertreter der ſouveränen Volksjuſtiz auf der Bank nieder.

Ich ſprach ihnen fragweiſe eine improviſirte Verſicherungs⸗ formel,nur nach ihrer innerſten Ueberzeugung und nur mit Rück⸗ ſicht auf die vorliegende Sache urtheilen zu wollen, vor, und Jeder antwortete darauf, ſich der Reihe nach erhebend, mit einem feierlichen Ich gelobe es!

Schon dieſe Procedur machte, wie ich deutlich wahrnahm, auf das im Vordergrunde placirte Auditorium einen großen Ein⸗ druck. Das anfängliche Flüſtern erſtarb, und es herrſchte eine Stille, wie in der Kirche. Auf meinen Wink ſprach der Präſident einige Worte, und ich, Angeſichts der geſpannten Aufmerkſamkeit meiner Zuhörer wohl fühlend, daß es ſich hier um keine Farce, ſondern um möäglichſt effectvolle Statuirung eines Exempels im gemeinſamen Sinne der Correctionshaus⸗Bevölkerung handle, leitete die Verhandlung mit einer kurzen Darlegung des Falles, ſoweit ich ihn durch die Vorunterſuchung ermittelt, ſtatt Vorleſung des Anklageactes, ein. Darauf ließ ich die Zeugen vortreten, deren Jeder vor ſeiner Vernehmung in ähnlicher Weiſe, wie die Geſchwor⸗ nen, von mir verpflichtet wurde. Alle ſagten ausführlich aus, was ſie über die Sache wußten, und zu meiner eignen Ueberraſchung