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Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
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Cerevisnamen). Wo kommſt Du her? Natürlich ſperrte die ganze Correctionshausbevölkerung bei dieſer höchſt unkomment⸗ mäßigen oder vielmehr für Zeit und Ort nur zu kommentmäßigen Begrüßung glotzend Mund und Naſe auf, und der ſo unerwartet angeredete Candidat beſaß Tact genug, mir nicht ohne einige Ver⸗ blüfftheit halblaut zu antworten:Guten Tag, R.! Weiteres nach⸗ her! Die Predigt ging diesmal vor einem durch jenen ärgerlichen Zwiſchenfall etwas zerſtreuten Auditorium raſch vorüber, und nach geſchloſſenem Gottesdienſt ließ mein zu den Schafen übergetretener Commilitone mich bei den Böcken Gebliebenen zu ſich allein in das Cabinet des Werkmeiſters rufen. Wir ſprachen uns da zwang⸗ los unter vier Augen.Aber, R., begann er mit einiger Salbung, Das hätte ich mir nicht träumen laſſen, daß wir uns unter ſo traurigen Umſtänden wieder begegnen würden!Ich auch nicht, Z.., erwiederte ich mit großer Gelaſſenheit,und Du wirſt mir gewiß nicht abläugnen, daß in unſrer Situation ein gewiſſer Humor liegt. Du ſcheinſt Dir inzwiſchen die vorſchriftsmäßige chriſtliche Ueberzeugung angeeignet zu haben und biſt wahrſcheinlich auf dem beſten Wege zur Anſtellung. Mich hat dastolle Jahr 48 einige, wenn Du willſt, politiſche Studentenſtreiche machen laſſen, die zwar ehrlich pro patria gemeint waren, aber gegen die wieder⸗ eingeführte alte Kleiderordnung verſtießen, und zur Straſe dafür mußt Du mir nun mitten unter Dieben, Fälſchern und ſonſtigem Geſindel den theologiſchen Text leſen. Du nennſt das wohl traurig, ich ſinde es in gewiſſer Art komiſch genug. Sic eunt fata hominum, ſagt das alte Küchenlatein! Mein chriſtlicher Freund bedauerte, mich in einer ſoungeeigneten Stimmung zu finden, und als ich ihm mit Bezug auf die heutige Predigt die ſtarke Wandlung ſeiner auf der Univerſität geäußerten, mehr als rationaliſtiſchen Anſchau⸗ ungen vorhielt, bemerkte er achſelzuckend: mit den reiferen Jahren reiften ſich eben auch die Anſichten, und mir werde es mit meinen politiſchen und religiöſen Jugendketzereien wohl auch noch ſo gehen. Auch Dir, ſchloß er in halbem Kanzelton,wird noch dein Tag von Damaskus kommen!Nie! rief ich ihm nach,wenigſtens nicht in Deinem Sinne!

Das war unſere letzte Unterhaltung; denn das Schickſal hat uns ſeither nicht wieder zuſammengeführt. Eine gute Folge aber ſollte dieſe unerwartete Begegnung denn doch für mich haben. Einige Tage darauf wurde ich vor den Correctionshaus⸗Verwalter beſchieden und mir durch denſelben amtlich eröffnet, daß ich von nun an, wenn ich keineninneren Drang zu religiöſer Erbauung verſpüre, von dem ſonſt obligatoriſchen Beſuche des Gottesdienſtes dispenſirt ſein ſolle! Ohne Zweifel hatten die Herren Candidaten wegen meines ſtörenden vis-à-vis bei dem vorgeſetzten Stadtpaſtor