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Deinen beſchaulichen theologiſchen Lebensweg„avibus bonis“ fort⸗ ſetzen mögeſt.“———
Man wird mir wohl verzeihen, wenn ich dieſe theo⸗ logiſchen oder vielmehr antitheologiſchen Tagebuchs⸗ und Brief⸗ Citate aus dem weiland Correctionshauſe hier etwas ausführlich wiedergegeben habe. Aber es iſt das ein unvergeßliches Stück meines innerſten Lebens, was gerade durch die während jenes Strafarreſtes mündlich und brieflich gepflogenen Unterhaltungen mit theologiſchen Univerſitätsfreunden für mich recht zum vollen Ab⸗ ſchluſſe kam. Erſt den oft unfreiwillig ſtillen Selbſtbetrachtungen des Correctionshauſes, den mündlich, wie brieflich, gleich vertraulichen „Colloquien“ mit ehemaligen„geiſtlichen“ Studiengenoſſen, ſowie der gründlichen nochmaligen Lectüre der ausgewählten Reſte meiner Univerſitätsbibliothek hatte ich meine gänzliche innere Feſtigung, ebenſo aber auch eine mir heute noch verbliebene tolerante Achtung vor jeder auf dem früheren Standpunkte ſtehen gebliebenen ehrlichen Ueberzeugung zu verdanken. Es iſt die alte Fabel von Leſſings drei Ringen und ich geſtatte einem ehemaligen„Weinbergs⸗Mitarbeiter“ immer noch die Frage:„Wer von uns hat den rechten?“ Das Correctionshaus war in dieſer Beziehung, was die kritiſch kühle, möglichſt nach allen Seiten gerecht werdende Auffaſſung der theiſtiſchen und überhaupt kirchlich⸗confeſſionellen Frage betrifft, für mich ein wahres Purgatorium(Fegefeuer). Wenn ich auch ſchon vor meiner Flucht ein paar Curſe lang das„Jus“ tractirt, ſo war doch immer noch, wie meine Freunde zu ſagen pflegten, ein Stück des an den Nagel gehängten alten theologiſchen Chorrocks in meiner Taſche ſtecken geblieben, und dieſen letzten Fetzen wurde ich auf dem geſchilderten Wege vollſtändig los. Inſofern, aber auch nur inſofern allein, will ich mein damaliges Haftlocal in modernſtem Stephan'ſchem Poſt⸗Deutſch gerne eine„Verbeſſe⸗ rungsanſtalt“ nennen.——
Daß ich in dieſer correctionellen Umgebung, obwohl Juriſt, — leider! in partibus— auf die äußerlich zwar, aber innerlich noch immer nicht gänzlich quittirte Theologie zeitweiſe wieder zurückkam, war, wie oben angedeutet, nur zu natürlich. Der Humor des Zufalls fügte es, daß gar manche inzwiſchen bekehrte ſtille Ketzer dieſer Facultät, welche im theologiſchen Hörſaal mit mir auf derſelben Bank geſeſſen, während meiner Haft den Gottesdienſt im Correctionshauſe abhalten mußten. Da die Wenigſten auf ein Zuſammentreffen mit mir an dieſem Orte vorbereitet waren, ſo gab das mitunter ſehr fatale Ueberraſchungen. Nach beendigtem Geſang, der ohne Orgel⸗Begleitung und nur von dem Geiſtlichen intonirt, oft eine ohrzerreißende Disharmonie entwickelte, begann


