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Trotz all dieſer ketzeriſchen Anſichten des„großen Heiden“, welche Du, lieber Freund, als ſein Verehrer mit Deiner dem⸗ nächſtigen Ordinationsformel ſchwerlich wirſt zuſammenreimen können, trug Göthe, der freilich nicht bloß der Dichter des Fauſt, ſondern zugleich ſachſen⸗weimar'ſcher Miniſter war, merkwürdiger Weiſe die officielle Anerkennung einer theologiſchen Facultät(!), und zwar zu Jena, davon. Bei Gelegenheit der 50jährigen Jubelfeier ſeiner Ankunft in Weimar ließ ihm diejenige der genannten Univerſität eine Votivtafel mit Widmung überreichen. Dieſelbe hob ausdrück⸗ lich hervor, daß Göthe„nicht nur die Theologie oft ſinnvoll, tief und anregend gewürdigt, ſondern auch als Schöpfer eines neuen Geiſtes in der Wiſſenſchaft und dem Leben und als Herrſcher in dem Reiche freier und kräftiger Gedanken das wahre Intereſſe der Kirche und der evangeliſchen Theologie mächtig gefördert habe!“——
Was ſagſt Du zu dieſer zunftmäßigen Anerkennung des pro⸗ fanen Göthe als Dilettanten der evangeliſchen Theologie durch Deine„Meiſter vom Stuhle“? Im ſchwarzen Ehren⸗Talar mit weißen Bäffchen unterm Kinn macht Göthe wirklich eine gar ſonder⸗ bare Figur, und wenn ich mir ihn als Collegen in partibus mitten unter den Jenenſer Theologen denke, ſo fällt mir ſein bekannter Vers über die Zuſammenkunft mit Lavater und einem Collegen des⸗ ſelben ein:
„Prophete rechts, Prophete links, Das Weltkind in der Mitten!“
Je nun, wenn Du Deinen profanen Lieblingsdichter auch in der Studirſtube des dereinſtigen Pfarrhauſes con amore fortleſen willſt, ſo halte Dich in Gottes Namen nur an das Teſtimonium der modernen Katheder⸗Kirchenväter Jena's! Du wirſt dann ohne Gewiſſenseſrupel auch von ihm ſagen dürfen:
„Von Zeit zu Zeit hab' ich den Alten gern!“
Du weißt, obwohl früher ſchon ſehr radikal⸗ketzeriſcher Ratio⸗ naliſt, habe ich niemals den kindlich ehrlichen Glauben gehaßt, auch nicht jenen halben, der nach der Gutzkow'ſchen Melodie„Zwar— aber doch!“ ſein Credo mit dem Intelligo der modernen Kritik ſo leidlich, als möglich, zu vermitteln ſucht. Nur Denjenigen haſſe und bekämpfe ich, der die Prätenſion hat, in philoſophiſchem Ge⸗ wande auftreten und uns die frommen Wünſche ſeines Gemüthes als Poſtulate des Verſtandes aufdrängen zu wollen. Und ſo werden denn auch wir Beide uns von unſern jetzigen getrennten Standpunkten aus einander tolerir en! Ich, Dein ehemaliger College, wünſche Dir, als einem braven Kerle, der auch im ſchwarzen Chorrocke den Menſchen niemals verläugnen wird, daß Du


