— 202—
„Glaubt nicht, daß ich ſaſele, daß ich dichte; Seht hin und findet nur andre Geſtalt!
Es iſt die ganze Kirchengeſchichte Miſchmaſch von Irrthum und Gewalt“.
„Ihr Gläubigen! Rühmt nur nicht euren Glauben Als einzigen! Wir glauben auch, wie ihr. Der Forſcher läßt ſich keineswegs berauben
Des Erbtheils, aller Welt gegönnt— und mir.“
„Ein Sadducäer will ich bleiben!
Das könnte mich zur Verzweiflung treiben, Daß von dem Volk, das hier mich bedrängt, Auch würde die Ewigkeit eingeengt.
Das wäre doch nur der alte Patſch,
Droben gäb's nur verklärten Klatſch!“
Und was ſagt Göthe noch gar viel ähnliche Dinge an gleicher Stelle weiter?!
„Wer Wiſſenſchaft und Kunſt beſitzt, Hat auch Religion.
Wer jene beiden nicht beſitzt,
Der habe Religion!“—
Seine ganze Stellung gegenüber dem officiellen Pfaffenthum hat er nirgends prägnanter ausgeſprochen, als in den Verſen an den bekannten Vorläufer der Reformation:
„Reuchlin! Wer will ſich ihm pergleichen, Zu ſeiner Zeit ein Wunderzeichen!
Das Fürſten⸗ und das Städteweſen Durchſchlängelte ſein Lebenslauf,
Die heiligen Bücher ſchloß er auf.
Doch Pfaffen wußten ſich zu rühren,
Die Alles breit in's Schlechte führen; Sie finden Alles da und hie
So dumm und ſo abfurd, wie ſie. Dergleichen will mir auch begegnen; Bin unter Dache, laſſ' es regnen: Denn gegen die obſcuren Kutten,
Die mir zu ſchaden ſich verquälen,
Auch mir kann es an Ulrich Hutten,
An Franz von Sickingen nicht fehlen!“
Und wie reſervirt urtheilt Göthe über die Geltung der ganzen Bibel für die Gegenwart(in den„Sprüchen in Proſa“):
„Deßhalb iſt die Bibel ein ewig wirkſames Buch, weil, ſo lange die Welt ſteht, Niemand auftreten und ſagen wird: Ich be⸗ greife es im Ganzen und verſtehe es im Einzelnen. Wir aber ſagen beſcheiden: Im Ganzen iſt es ehrwürdig und im Einzelnen anwendbar.“—


