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Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
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ſchön und der Menſchheit nützlich und unentbehrlich. Sollteſt Du mir darauf etwa erwiedern, dieſe in ihrer Art klaſſiſche Aeußerung ſtamme aus Göthe's Jugend, wo der Wein ſeines Genius noch nicht ausgegohren, ſo darf ich Dich getroſt darauf verweiſen, daß er auch in ſeinen älteren Jahren bei den Aeußerungen über das Chriſtenthum ſtets nur den humanen Kern deſſelben,(etwa wie ich jetzt die Moral) nie aber das Dogmatiſche(was ich die Mythologie nenne) vor Augen hatte. Das Recht, zu jeder Zeit und unter allen Umſtändenein Proteſtant zu ſein, die Freiheit, ſein reines Inneres ohne Bezug auf eine beſtimmte Religion zu entwickeln, behielt er ſich ſtets ausdrücklich vor. Er wollte Gott gerne anerkennen, aber wo und wie er ſich offenbare, und über das Wo? und Wie? beſtimmte er natürlich ſelbſt. Sein Unſterblichkeitsglaube war ſicherlich nicht derjenige unſrer chriſtlichen Kanzeltheologie.Wirken wir ſort, ſo ſpricht er darüber, bis wir vor oder nach einander, vom Weltgeiſte berufen, in den Aether zurückkehren! Möge dann der ewig Lebendige uns neue Thätigkeiten, denen analog, in denen wir uns ſchon erprobt, nicht verſagen! Fügt er ſodann und das bemerkt Göthe offenbar reſervirt nur zu guter Letzt rein poſtſcriptlich,Erinnerung und Nachgefühl des Rechten und Guten, was wir hier ſchon geleiſtet, väterlich hinzu, ſo würden wir gewiß nur deſto raſcher in die Kämme des Weltgetriebes eingreifen.

Ueber die religiös⸗philoſophiſche Anſchauung dieſes Deines Lieb⸗ lings Göthe hat ein neuerer Kritiker u. A. nicht mit Unrecht bemerkt: Dieſelbe war, gleich der Leſſings, einwarmherziger Pantheis⸗ mus, wie er in der Ethik Spinoza's, allerdings in ſcheinbar ſtarre mathematiſche Formeln eingezwängt, ſeine Grundlage ſindet. Iſt doch ſelbſt das Evangelium, welches Gott für einen Geiſt erklärt, den man in der Wahrheit und in der Liebe anbeten müſſe, und dem Paulus nachrühmt, er lebe in allen Dingen und Alles lebe in ihm, dieſer Anſchauung nicht fremd. Ein außerweltlicher Gott, der über ſeiner Schöpfung thront und genau ſo ausſieht und ſich ſolche Eigenſchaften zuſchreiben laſſen muß, wie ein Menſch,(frei⸗ lich im Superlativ! D. V.) erſchien Göthe kleinlich und unwürdig, wie er es in vielen Gedichten ausgeſprochen hat. Das wirkliche Leben, dieſes von ſeinem Gotteshauch durchwehte wunderſame Antlitz des Weltgeiſtes, war dem Dichter heilig und der höchſten Verehrung werth, da ſeine verſchiedenartigen Aeußerungen in Natur und Menſchendaſein ja die Züge des ewigen Weſens und einer ſittlichen Weltordnung tragen.

Trotz obiger Definition ſeines religionsphiloſophiſchen Stand⸗ punktes perſiflirt Göthe auch diePantheiſten. In ſeinenSprüchen in Reimen wirft er ihnen den Sarkasmus an den Kopf: