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Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
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Scepſis in's Dunkel verſcheuchendes Antlitz zu verleihen, kannſt Du wohl Dich ſelbſt vorübergehend täuſchen, mich aber nicht im Geringſten. Ich war ja ſelbſt Lehrling eurer Zunft und habe gar manchen Blick in ihre Couliſſengeheimniſſe geworfen. Du haſt eben bon grè mal grè Deinen offiziellenAuguren⸗Talar mit ernſteſter Miene auf den Schultern behalten und ich habe ihn in die Ecke geſchmiſſen. Darum können wir uns nicht mehr, wie früher, ein⸗ andercollegialiſch anlächeln. So ſchließe ich denn faute de mieux mit dem frommen Wunſche G. Büchner's:Der Himmel verhelfe Dir zu einer behaglichen firen Idee! Die allgemeinen fixen Ideen, welche man diegeſunde Vernunft tauſft, ſind unerträglich langweilig!

Wenn Du mir etwa bei meiner Auffaſſung der religiöſen, d. h. hier ganz beſonders der chriſtlichen Glaubensfrage negirende Einſeitigkeit vorwerfen ſollteſt, ſo will ich Dir zu meinen Gunſten nur Deinen Liebling Göthe citiren, über deſſen völlige Unbefangen⸗ heit auf dieſem Gebiete für keinen, ob noch ſo oberflächlichen Kenner ſeiner Werke auch nur ein Zweifel ſein kann.(Hat er doch ſ. Zt. an Lavater geſchrieben, er ſeizwar kein Widerchriſt, aber ein decidirter Nichtchriſt.) Allen gläubigen Theologen, die den großen Heiden poſthum für ihr offizielles Chriſtenthum haben einſchlachten wollen, iſt es darum ſchlimm genug ergangen, und ſie werden jetzt wohl die Finger davon laſſen, da er in gewiſſem Sinne füglich derdeutſche Voltaire genannt werden darf, als derjenige unſrer Dichter, der unzweifelhaft die umfaſſendſte, rein menſchliche Univerſalität aufzuweiſen hat. Du weißt ja, wir pflegten im Gymnaſium Schiller, der unſerem Herzen am Nächſten ſtand, den Idealiſten, Göthe aber, der uns in ſeiner klaſſiſchen Objec⸗ tivität kühler ließ, denRealiſten zu nennen, obgleich unſer ſeliger Director gegen das vollſtändig Zutreffende dieſer landläufigen Bezeichnung ſtets Verwahrung einlegte.

Noch im Frühjahr 1782, wo Göthe, wie Gelzer ſagt,auf Seiten Derer ſtand, die nicht in einem Individuum, ſondern in der Gattung, nicht in Chriſtus, ſondern in der Menſchheit die Offenbarung des göttlichen Lebens verehrten, ſchrieb er u. A. an ſeinen Freund Lavater, nachdem derſelbe denPontius Pilatus herausgegeben:Du hältſt das Evangelium, wie es daſteht, für die göttliche Wahrheit. Mich würde eine vernehmliche Stimme vom Himmel nicht überzeugen, daß das Waſſer brennt und das Feuer löſcht, daß ein Weib ohne Mann gebiert und daß ein Todter auferſteht. Vielmehr halte ich Dieſes für Läſterungen gegen den großen Gott und ſeine Offenbarung in der Natur. Du ſindeſt Nichts ſchöner, als das Evangelium. Ich finde tauſend geſchriebene

Blätter alter und neuer von Gott begnadigter Menſchen eben ſo