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Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
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dem die Klinge fehlt. Er iſt die Deviſe, die ſich jederPrediger des göttlichen Wortes mit gelegentlicher Neigung zu freiſinnigem Kannegießern als das Todesurtheil ſeines zunftwidrigen poli⸗ tiſchen Liberalismus auf die Bäffchen ſticken laſſen ſollte.

Das ohngefähr war die Vorausſetzung, welche mir das letzte⸗ mal jene für Dich ſelbſt wahrhaftig nicht im Geringſten beleidigen⸗ den Sarkasmen in die Feder dictirte, die Du jetzt mit verletztem theologiſchem Standesgefühl als unbegründet gerne zurückweiſen möchteſt. Glaube nur nicht, daß ich damit dieſen Widerſpruch, der nun einmal in den Verhältniſſen liegt, Dir, dem ehrlichſten Kerle von der Welt, zum Vorwurfe machen wollte! Nein, ich weiß zu gut, daß der Theologe in ſeinem officiell bibliſchen Gewande dem politiſchen Fortſchritte in die Hände arbeiten kann und ſoll, obſchon er dadurch nothwendig mit ſeinem amtlichen Gewiſſen in Colliſion gerathen muß. Dafür iſt und bleibt er eben doch irdiſcher, mit den Bedürfniſſen ſeines zeitigen irdiſchen Aufenthalts denkender und fühlender Menſch nach dem Terenziſchen Motto: Homo sum et nihil humani a me alienum puto, und kann ſich nur ſehr ſchwer, durch eine Art transcendentaler Verzückung, zu einem bloß acceſſiſtlich über die Mutter Tellus hinüberwandeln⸗ denHimmels⸗Candidaten verflüchtigen. O, dieſe Seelenwande⸗ rung von Stern zu Stern, wie ſie uns manche rationaliſtiſche Theologen ſchildern, bis wir endlich, mit dem testimonium maturitatis in der Taſche, auf der jenſeitigen Hochſchule immatri⸗ kulirt werden, wo auch der Herr Rector magnificus uns zeitweiſe ins Heft dictirt, und ſo ſtellen ſich gar viele Leute die ſchönen Dinge nach dem chriſtlichen Tode vor hat etwas gar Gemüth⸗ liches. Mit beißendem, wahrlich nicht ganz ungerechtfertigtem Spott ſagt darüber der geniale G. Büchner in ſeinemDanton's Tod u. A.:Eine erbauliche Ausſicht! Von einem Miſthaufen auf den andern. Nicht wahr, die götttliche Claſſentheorie? Von Prima nach Secunda, von Secunda nach Tertia und ſo weiter? Ich bin die Schulbänke ſatt; ich habe mir Geſäßſchwielen, wie ein Affe, darauf geſeſſen. So widrig dieſer beißende Sarkasmus in gar manche religionsphiloſophiſche Alteweiber⸗Phantaſieen generis mas- culini und feminini hineinklingen mag, ſo kann ich ihm doch nicht ganz Unrecht geben.

Und was ſagſt Du zu ſolchen philoſophiſch⸗ketzeriſchen Zweifeln? Je nun, ich bin eben unter die Juriſten gegangen und Du biſt leider! unter den Theologen hängen geblieben. Voila tout! Du wirſt mir niemals Deine ſentimentalen Ge müths⸗ bedürfniſſe als Poſtulate des kritiſchen Verſtandes aufſchwatzen können, und mit Allem, was Du mir geſchrieben haſt, um Deiner enthülltenJungfrau von Sais ein recht ſtrahlenblendendes, jede