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Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
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Harniſch dem Lazareth anſchließen und post festum die Kranken⸗ wärter abgeben. Aber beide Parteien ſtehen euch gleich nahe und eure Sorgfalt muß eigentlich mehr noch den Verirrten, den Söldnern gegen die Freiheit, zugewandt ſein. Iſt die Schlacht beendigt, dann endlich rückt ihr in die ruhige Schußlinie, ſingt der ſiegenden Seite das Tedeum, wenn es auch auf Koſten Derer ge⸗ ſchieht, die früher eure gnädigen Herren waren, und tretet, iſt Dies der Fall, in eurer alten Uniform in den neuen Dienſt ein. Ihr braucht nur etliche Formeln eurer Litanei abzuändern und etwa ſtatt des bisherigenDomine, salvum fac regem! einsalvam fac rempublicam! einzuſchieben, ſo iſt Alles abgemacht. Alle ſolche politiſche Umwälzungen müſſen eigentlich für das Weſen eurer Berufsthätigkeit ohne Einfluß ſein, und wenn ihr vielleicht auch im Intereſſe eurer Mutterkirche den Sturz des einen Syſtems bedauert, ſo müßt ihr trotzdem bereit ſtehen, dem andern eure Dienſte anzubieten, weil dieſelben ja nur dem Menſchen und nicht dem Bürger gelten.Das Chriſtenthum, ſagt Gutzkow irgendwo richtig,iſt Weltreligion und accomodirt ſich an jede politiſche Geſtaltung deßhalb, weil es ohne alle Beziehung auf den Staat geſtiftet wurde!

So ohne allen politiſchen Charakter iſt die chriſtliche Theo⸗ logie, der Duſonderbarer Schwärmer optima fide die rothe Mütze aufſtülpen möchteſt. Sie muß aber ſo ſein, wenn ſie nicht ihren heimathlich bibliſchen Boden verlaſſen und ſich damit ſelbſt aufgeben will. Sollte ſie wirklich etwa in der Politik das Bürger⸗ recht erwerben wollen, ſo würde ſie Dies, beim Lichte betrachtet, nur um den theuren Preis ihrer Selbſtverläugnung thun können.

Extra ecclesiam nulla salus!(Außerhalb der Kirche kein Heil!) Das iſt das traditionelle Schibboleth eines ächten Theologen, und wer darüber hinaus geht, wer den einen Flügel der Kirchen⸗ thüre offen läßt, um zugleich eine Ausſicht auf das profane Markt⸗ gewühl des politiſchen Lebens zu eröffnen, der iſt eben kein wahrer, d. h. bibliſch chriſtlicher Theologe, ſondern nur, wenn ich ſo ſagen darf, ein von dem Geiſte der Zeitangekränkelter Theologiſt mit einem Janus⸗Antlitz, deſſen eine Seite das athanaſianiſche Glaubens⸗ bekenntniß, die andere diedéclaration des droits de l'homme trägt.Gebet dem Kaiſer, was des Kaiſers, und Sotte, was Gottes iſt! Das heißt: Nehmt keine Zeitung mit in die Kirche, und wenn ihr auf's Rathhaus geht, ſo laßt eure Katechis⸗ men daheim! So überſetze ich mir dieſen tauſendmal abgekanzelten vieldeutigen Spruch, der im Munde Jeſu, den ſykophantiſchen Phariſäern gegenüber, nichts Anders war, als ein zur Abwehr etwaiger Polizei⸗Denunziation gezogenesMeſſer ohne Heft, an