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Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
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Welche bittre Ironie, ſich fortwährend mit dem Kopfe in die Wolken zu hüllen, während die Füße in dieſemirdiſchen Jammer⸗ thal herumſtolpern?

Ob ihm der Oſt die Segel blähe, Was hilft's dem morſchen lecken Kahn?

Von den Theologen überhaupt gilt, was L. Wienbarg von den Moraliſten insbeſondere bemerkt:

Was ſagen ſie uns von der Moralität oder Unmoralität unſrer Staatseinrichtungen, was haben ſie für ein Ur⸗ theil über Freiheit und Knechtſchaft? Iſt es moraliſch oder unmoraliſch oder gar gleichgültig, ſich in den Kampf der Zeit ein⸗ zulaſſen, das Schwert für Recht und Freiheit zu zücken, das Boll⸗ werk der Privilegien, die Mißbräuche des Kaſtenweſens anzugreifen? Iſt es ein moraliſcher oder unmoraliſcher Zuſtand, daß unſer Volk kein ächt vaterländiſches, gemeinverſtändliches Recht hat, daß es in ſo vielen Ländern noch keine(vollgültige) Stimme führt, wo es ſeine vornehmlichſten und heiligſten Intereſſen betrifft? Fragt ſie über dieſe und ähnliche Verhältniſſe und Zuſtände, und hört, welch undeutlich zwitſchernder Ton aus ihrem Munde geht oder gar wie ſie dieſe Fragen, die allein gegenwärtig das Rad der Zeiten um⸗ drehen, als außer ihrem Kreiſe liegende von ſich ab⸗ lehnen!

Aber ſo iſt die Theologie immer geweſen nnd kann nun ein⸗ mal nicht anders werden, ohne ſich ihres innerſten Weſens zu ent⸗ äußern und allmählig in den Feuerbach'ſchen Cultus der Menſch⸗ heit überzugehen. Dann aber iſt ſie gar nicht mehr Theologie, ſondern reiner Humanismus und die Bibel hat für ſie nur noch culturhiſtoriſche Geltung. Ihr Theologen müßt euch ex officio, ſo lange ihr Theologen ſein und bleiben wollt, um den Begriff eurer Gattung zu retten, von allen politiſchen Bewegungen ab⸗ ſperren. Ihr müßt die Fenſter verſchließen, die Thüren verrammeln und alle Ritzen verſtopfen, damit nicht die Zugluft der profanen Außenwelt in das Innere eurer Kapelle dringe und euch die Altar⸗ lichter auslöſche. Wenn draußen die entſcheidende Schlacht der Freiheit mit der Gewalt geſchlagen wird, deren Vorpoſtengefechte in dieſen Tagen beginnen(?), ſo müßt ihr von Amtswegen Neutralität beobachten. Ihr dürft durch die Ritzen eurer bemalten Kirchen⸗ fenſter dem Gewühle der draußen Kämpfenden zuſchauen und das Feldgeſchrei aus der Ferne mitanhören. Aber eure active Theil⸗ nahme muß ſich darauf beſchränken, für die Verwundeten und Sterbenden auf beiden Seiten Gebete zu ſeufzen und den Herrn der Heerſchaaren darum anzuflehen, daß er die erzürnten Gemüther zum Frieden lenke. Höchſtens dürft ihr euch als Johanniter ohne

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