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ſchwört, iſt immer ein Stück Heinzen, obſchon dieſe ſtückweiſen Vermittlungen für mich ſchon Inconſequenzen ſind.“
„Ich muß deßhalb immer über jene jungen Leutchen lachen, welche die Sätze des Katechismus und die Stichwörter liberaler Zeitungen zu gleicher Zeit im Munde führen, die bona fide in der Linken die Bibel und in der Rechten die Verfaſſungsurkunde halten, indem ſie ſich am Ende ſelber weiß machen, beide Dinge ließen ſich ganz gut und ohne die geringſte Colliſion neben ein⸗ ander tractiren oder gar das eine durch das andere rechtfertigen. In letzter Conſequenz, und wenn ſie es auch ihrem eigenen Ge⸗ wiſſen abläugnen, laſſen ſie das obligatoriſche Jenſeits in dem realen Diesſeits untergehen. Sie betrachten den Menſchen im Laufe der Woche als Bürger und nur Sonntag⸗Morgens oder Nachmittags in der Kirche als Candidaten des Himmels. Sie nehmen praktiſch den Staat als Selbſtzweck, anſtatt ihn nach Vorſchrift der Bibel nur als Mittel zum Zwecke, als uner⸗ läßliches Proviſorium des dereinſtigen unausbleiblichen Gottesreichs aufzufaſſen, und wohl die meiſten dieſer evangeliſch⸗chriſtlichen Liberalen würden vielleicht das himmliſche Jeruſalem in dem Congreßſaal einer deutſchen Bundesrepublik realiſirt finden.(?) Welche Ironie, den Altar neben die Tribüne zu ſtellen, die Marſeillaiſe mit einem Vaterunſer einleiten zu wollen!“
„Die Theologie hat nun einmal mit der Politik Nichts zu ſchaffen oder, wenn ſie überhaupt mit ihr in Berührung kommt, nur als Herold des Beſtehenden, als Hoſpredigerin des jeweils herrſchenden Syſtems, deſſen Ausflüſſe ſie gläubig hinnimmt und durch ihre kirchliche Weihe ſanctionirt, als perpetueller Panegyrikus des ſog.„hiſtoriſchen Rechts“, was, in Wahrheit oft nichts Anderes, als ein verjährtes Unrecht an der Geſchichte, da iſt und deßhalb nach dem berüchtigten Hegel'ſchen Satze an die Thatſache ſeiner Exiſtenz als den unwiderleglichen Beweis zu deren Berechtigung appellirt.„Was iſt, iſt vernünftig“, lautet der Spruch des weiland Berliner„Staatsphiloſophen“, und„Ich ſage euch, ſeid unterthan eurer Obrigkeit, denn alle Obrigkeit iſt von Gott ver⸗ ordnet“] ſo docirt die Theologie aus dem„neuen Teſtament“! Sie muß ex officio ihren rebelliſch geſinnten Pfarrkindern geduldige Ergebung vorpredigen, indem ſie ihnen begreiflich macht, daß alle, ob auch noch ſo unerträglich ſcheinenden„Züchtigungen“ des welt⸗ lichen Despotismus nur Beweiſe der göttlichen Liebe ſeien und wir dabei nach dem alten Spruche„wen der Herr lieb hat“, ꝛc. unſern Henkern noch obendrein mit vergebendem Danke die plumpen Fäuſte zu küſſen haben. Freilich ein gar undankbares Geſchäft, was die Zunft unſrer Theologen, wenn ſie ihre bibliſche Pflicht nicht cum grano salis verſtehen, zu einer Art von Gensd'armerie


