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des conſtitutionellen Fortſchritts aus Bibelſprüchen demonſtriren wollen, jene zwitterhaften, amphibiengleich in zwei Elementen ſich bewegenden Prieſter des„chriſtlichen Rechtsſtaats“, dieſer groben contradictio in adjecto, die ſo gerne Beides zugleich ſein möchte und darum in Wirklichkeit Nichts von Beidem iſt. Religion iſt, wenn ich ſo ſagen darf, die abſtracte Vorausſetzung, die beſtehende Politik die concrete Folgerung. Die Stufen des ſouveränen Thrones von Gottes Gnaden ſind im Himmel feſtgerammt und man kann an jenen nicht rütteln, ohne zugleich dieſen mit herunter⸗ zureißen. Jede Hinneigung zu politiſchem Fortſchritt führt folge⸗ weiſe nothwendig zu einer gewiſſen Negation des Chriſtenthums und ſeiner Wiſſenſchaft, der Theologie, und ein Mann im Prieſter⸗ rock mit der Jakobinermütze auf dem Kopfe iſt entweder ein Narr oder ein Comödiant. Er hat zwei Meſſiſſe neben einander, Chriſtus und Robespierre, und ſteht in der Mitte zwiſchen dem Kreuz und der Guillotine. Der Eine negirt den Andern, und wenn der Letztere ſpäter den Cultus des höchſten Weſens proclamirte, ſo war das nur ein kluger Staatsſtreich, der dem müſſigen Volke ein liebgewordenes Gemüthspoſtulat wiedergab, um ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit von anderen Dingen abzulenken. Was Gutzkow von dem religiöſen Indifferentismus des Tacitus ſagt, gilt überhaupt von jedem Apoſtel politiſcher Freiheit:
„Die Freiheitführtſchon ſeit dem Anfange alles Irdiſchen mit dem Himmel eine Art von Proceß. Wir müſſen die Schläge des Despotismus ertragen und dabei ſo oft hören, daß ſich unſere Peiniger auf dieſelbe Autorität berufen, die uns als letzter Troſt noch übrig blieb. Noch nie iſt das Schick⸗ ſal der Freiheit günſtig geweſen, während die Despotie ſich am lieblichſten Sonnenſcheine wärmen durfte. Daher dieſer ſonderbare Groll gegen einen(himmliſchen) Thron, der uns von Kindesbeinen an immer ſo monarchiſch, ſo wenig conſtitutionell geſchildert worden iſt.“(Beiträge zur Geſchichte der neueſten Literatur)——
„Darum kann die jetzige Theologie nur den religiöſen Autoritäts⸗ glauben mutatis mutandis in die Politik übertragen oder ſie muß um ihren Abſchied nachſuchen. Haller und Hengſtenberg oder Heinzen und Feuerbach, das iſt die große Alternative. Aber Heinzen und Hengſtenberg, das iſt eine ſchreiende Mes⸗ alliance, die vor dem Richterſtuhle unbefangener Kritik als un⸗ zuläſſig verworfen wird und woraus nur„zwieſchlächtige“ Baſtarde, mulattenartige Verſchmelzungen von Schwarz und Weiß entſpringen können. Jeder Theologe indeß, wenn er auch Schleier⸗ macherianer oder noch mehr ſein mag, iſt zugleich ex officio wenigſtens ein Stück Hengſtenberg und jeder politiſche Fortſchrittsmann, wenn er auch mit Welcker, Baſſermann ꝛc. auf die Conſtitution
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