— 192—
ſo lange noch meine Zunge ſprechen, meine Feder ſchreiben kann, werde ich nicht müde werden, dies Zwitterthum offen zu bekämpfen. Ein Jeder ſei Das, was er ſelbſt zu ſein vorgibt und nach ſeiner Stellung ſein ſoll, ſoweit er kann, ganz, offen und ehrlich, und wenn ich einem Solchen auch nicht immer die Hand entgegenreiche, ſo werde ich doch wenigſtens, ehe ich mich mit ihm in einen Kampf einlaſſe, grüßend vor ihm, als einem Gegner mit offnem Viſir, die Lanze ſenken. Schwarz oder Weiß, das ſind ehrliche Farben, und wenn ich auch die eine nicht liebe, ſo erkenne ich ſie doch als ehrliche Grundfarbe an; aber das aus beiden gemiſchte Grau— pfui, davor habe ich nun einmal einen unüberwindlichen Ekel. Das iſt denn auch mein Maßſtab bei Beurtheilung unſrer Theologen. Unter ihnen kenne ich nur zwei Gegenſätze, denen ich volle Be⸗ rechtigung zuzugeſtehen vermag, obgleich der eine an ſich ſchon die Negation aller Theologie iſt und es darum etwas parador klingen mag: Hengſtenbergianer und Feuerbachianer, und Alles, was dazwiſchen liegt, mit dem altklugen Januskopfe einer vermittelnden Anſchauung halb mit dem einen Extrem, halb mit dem andern kokettirt, nach dem berühmten Spruche unſres weiland Rectors B.„Die Wahrheit dürfte wohl hier, wie überall, in der Mitte liegen!“ iſt in meinen Augen eine Null, ob ſie ſich auch hinter aufgedunſenen Phraſen noch ſo breit mache. Ich ziehe den Hut aber vor einem ehrlichen„Mucker“, der den Muth hat, ſich mit dem verroſteten Speer und Schild aus der bibliſchen Rüſt⸗ kammer gegenüber den Kanonen und Congréve'ſchen Raketen der modernen Intelligenz in die täglich weiter gähnenden Spalten der verwitterten Ruine Zion zu ſtellen und die Schanzen der Stürmen⸗ den durch die Jericho⸗Trompeten ihres weiland bergeverſetzenden Glaubens niederſchmettern zu wollen. Dagegen haſſe ich gründlich die modern auſgeputzten Ritter der chriſtlichen Romantik, die jene Ruine da und dort geſchäftig ausflicken, ihre wankenden Mauern mit dem Pulver und Blei der heutigen Kriegskunſt vertheidigen und uns gerne weiß machen wollen, dieſer übertünchte und zurecht⸗ gemodelte Steinhaufe ſei eine wohlgerüſtete Feſtung in modernem Styl. Es ſind das jene widerwärtigen Süßwaſſer⸗Rationaliſten, die das Princip mit einem gläubigen„Credo, ut intelligam“ als ausgemacht hinnehmen und hinterdrein ſich darauf etwas zu gute thun, wenn ſie einige ſeiner Conſequenzen der renommiſtiſchen Kritik eines„Intelligo, ut credam“ unterwerfen, jene theologiſchen Schöngeiſter, deren Ornat die Mitte hält zwiſchen Frack und Chor⸗ rock und deren Predigten für das gebildete Publikum zu äſthetiſch⸗ philoſophiſchen Vorleſungen ausgeſtattet ſind; die in einer Thee⸗ geſellſchaſt in gefälligem Salonſtyl ſchleiermachiſiren und gelegent⸗
lich, wenn die Converſation auf Politik kommt, auch die Berechtigung


