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Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
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zu bewahren, indem man ſie einbalſamirt, nicht nach der häßlichen Garenal'ſchen Methode, ſondern durch Anwendung von Geheim⸗ mitteln, die ſich nur in der Apotheke des Dichters finden. Ja, die Glaubenslehren und mit ihmen die Sagen ſcheiden dahin! Sie erlöſchen, nicht allein in unſern civiliſirten Ländern, ſondern bis zu den mitternächtlichſten Weltgegenden, wo unlängſt noch der buntſcheckigſte Aberglaube in Flor ſtand. Die Miſſionäre, welche dieſe kalten Regionen durchwandern, beklagen ſich über die Un⸗ gläubigkeit ihrer Bewohner. In dem Berichte eines däniſchen Geiſtlichen über eine Reiſe im Norden von Grönland erzählt uns dieſer, daß er einen Greis nach dem gegenwärtigen Glaubenszuſtande der grönländiſchen Bevölkerung gefragt. Der gute Mann ant⸗ wortete ihm:Früher glaubte man noch an den Mond, aber heutzutage glaubt man auch nicht mehr daran!

Unterm 25. Februar 1848, alſo unmittelbar vor der Pariſer und unſrer deutſchen(März⸗) Revolution, nach erfolgtem Uebertritte zur Jurisprudenz, ſchrieb ich an einen früher citirten Gym⸗ naſial⸗ und Univerſitätsſreund, damaligen Candidaten der Theo⸗ logie, u. A.:Daß die paar Sarkasmen meines letzten, ziemlich epigrammatiſch gehaltenen Briefes deinen evangeliſch⸗chriſt⸗ lich conſtitutionellen Liberalismus etwas choquirt haben, wundert mich wirklich, weil ich der Anſicht war, du würdeſt den grellen, dermalen unabänderlichen Widerſpruch zwiſchen deiner individuellen Ueberzeugung und den Verpflichtungen deiner amtlichen Stellung längſt klar eingeſehen haben und ihn herzlich bedauern, anſtatt ihn, wie Du es gethan, mit falſchem Stolz ganz wegzuläugnen. Ich will mich darüber nicht mehr mit Dir herumzanken, denn Du kennſt meine oft genug geäußerte Anſicht, und daß ſie bei mir nicht etwa bloße Oſtentation iſt, habe ich thatſächlich durch meinen Uebertritt zu einer andern Brodwiſſenſchaft bewieſen. Es war dies ein Schritt, der, wie Du bei einiger Kenntniß meiner Verhältniſſe leicht ermeſſen kannſt, mich ſehr viel gekoſtet hat, um ſo mehr, als er erſt ſo ſpäterfolgte, den ich indeß meiner innerſten Ueberzeugung und eignen Selbſtachtung ſchuldig zu ſein glaubte, und durch den ich mich ſelbſt für meine Zukunft wiedergewonnen habe. Die erſte moraliſche Anforderung aber, die ich an mich ſo gut, wie an Andere zu ſtellen gewohnt bin, iſt Conſequenz, d. h. ſoweit deren Mangel hauptſächlich auf unſre Rechnung und nicht vielmehr ausſchießlich auf die nun einmal nicht ſo leicht wegzuräumenden thatſächlichen Verhältniſſe unſrer Umgebung geſchrieben werden muß. Jede Halbheit, ſei es nun auf politiſchem oder religiöſem Gebiet, jedes auf beiden Achſeln tragende Juſtemilieu, das ein zu⸗ geſtehendesZwar vorausſchickt und hinterdrein mit einemaber doch! ſich ſalviren will, iſt mir von jeher gründlich verhaßt. Und