Druckschrift 
Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
Entstehung
Seite
190
Einzelbild herunterladen

190

ihr erröthendes Antlitz hinter dem Wolkenſchleier: ſie beleuchtete den ſchönen Schläfer Endymion, der mit Pfeil und Bogen im Mooſe dahingeſtreckt lag, und drückte mit ihrem zitternden Streif⸗ lichte einen Kuß auf ſeine Lippen. Morgens, nachdem ſich die roſenfingrige Aurora aus dem Bette Tithon's erhoben und die Wolken mit ihrem Purpur geſäumt, führte das Geſpann des ſtrah⸗ den Phöbus die Sonne über den Himmel. Im Schatten der Wälder tanzten die Hamadryaden ihren Reigen, der Olymp erſchallte vom fröhlichen Gelächter der Götter, die bekanntlich als ſuperlativiſche Menſchen in Großfolio ebenfalls ihre liebenswürdigen Schwächen hatten, und der alte Jupiter ſelbſt wandelte als olympiſcher Harun al Raſchid in menſchlicher Geſtalt ſtrafend und beglückend durch die irdiſchen Fluren. Wie ſchön ſagt Schiller darüber in ſeinen Göttern Griechenland's:

An der Liebe Buſen ſie zu drücken, Gab man höhern Adel der Natur, Alles wies den eingeweihten Blicken, Alles eines Gottes Spur.

Wo jetzt nur, wie unſre Weiſen ſagen, Seelenlos ein Feuerball ſich dreht,

Lenkte damals ſeinen goldnen Wagen Helios in ſtiller Majeſtät.

Dieſe Höhen füllten Oreaden,

Eine Dryas lebt' in jenem Baum,

Aus den Urnen lieblicher Najaden

Sprang der Ströme Silberſchaum.

Fühllos ſelbſt für ihres Künſtlers Ehre, Gleich dem todten Schlag der Pendeluhr, Dient ſie knechtiſch dem Geſetz der Schwere Die entgötterte Natur.

Morgen wieder neu ſich zu entbinden, Wühlt ſie heute ſich ihr eignes Grab,

Und an ewig gleicher Spindel winden

Sich von ſelbſt die Monde auf und ab. Müßig kehrten zu dem Dichterlande

Heim die Götter, unnütz einer Welt, Die, entwachſen ihrem Gängelbande, Sich durch eignes Schweben hält.

Ja, H. Heine hat nicht ſo Unrecht, wenn er als Dichter, freilich, wie gewohnt, um die löblicheMainzeitung bei ihrer Ueberſiedelung von Offenbach zu citirenmit einem weinenden und einem lachenden Auge, in der Vorbemerkung zu ſeinen Göttern im Exil(VII. Band) u. A. ſagt:Wir ſcheiden alle dahin, Menſchen und Götter, Glaubenslehren und Sagen. Es iſt vielleicht ein frommes Werk, dieſe letzteren vor völliger Vergeſſenheit