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„Die Pfaffen haben noch mehr Unglück in die Welt gebracht, als die Ariſtokraten. Dieſe drückten uns zu Boden, aber das Sonnen⸗ licht konnten ſie uns nicht nehmen. Jene verhüllten die Sonne mit einem ſchwarzen Tuche, worauf ſie den Kreuzestod malten!“ Doch ich ſehe Dich ſchon bedenklich den Kopf ſchütteln. Bin ich noch ein Chriſt? Wenn es den Kern der geſunden chriſtlichen Bergpredigt⸗-Moral und manches Andere betrifft, Ja! Bezüglich der Dogmatik aber: Nein! Wenige Worte werden hinreichen, Dir das Räthſel dieſer meiner ſchon lange in mir herumwühlenden, nun aber endlich zum entſchiedenen Durchbruch gekommenen Metamor⸗ phoſe zu erklären. Seit wir auseinander gegangen ſind, habe ich den Feuerbach ſtudirt!“. „Welche Wolluſt, alle die unbibliſchen antidogmatiſchen Stuben⸗ gedanken, die ich bisher blos in dem Beichtſtuhle meines„blauen (Tage⸗) Buchs“ niederlegte, hier ſchwarz auf weiß in herrlicher, ſchlagender und eleganter, ſtellenweiſe ganz epigrammatiſcher Sprache Schlag auf Schlag, Zeile für Zeile zu leſen! Sie kamen mir jetzt durch die Buchdruckerlettern erſt legitimirt vor. Die Lectüre hat mich in eine Art von geiſtigem Champagner⸗Rauſch verſetzt, aber, ach! der Katzenjammer iſt mitunter auch nicht ausgeblieben. Dieſer Feuerbach iſt wahrlich ein glühender, ziſchender Lavaſtrom, der aus dem bisher verſchneiten Vulkan rückſichtsloſer menſchlicher Speculation brauſend daherfluthet und alte Capellen, wie ſteinerne Chriſtusbilder am Wege in ſeinen unaufhaltſamen Wogen begräbt. Das iſt ein kochender Feuerſtrom, der durch den Augiasſtall unſeres modernen Scheinchriſtenthums wie ein Niagara dahintoſt und all den tauſendjährigen Miſt theologiſcher Scholaſtik wegſchwemmt. Bisher ſteuerte ich noch unſicher auf dem maſtloſen Fahrzeuge meiner ſchülerhaften, faſt ganz gymnaſiaſtiſch⸗naiven Philoſophie über den weiten Ocean von Zweifeln umher. Schon war es krachend an dem Riffe der hausbackenen Vernunft geſcheitert; als ſchwacher Schwimmer trieb ich um das geborſtene Wrack. Keine rettende Inſel zeigte ſich meinen Blicken, kaum bot ſich eine einzige poſitive Planke meiner taſtenden Hand. Da habe ich nun endlich meinen ganzen Katechismus und meine Confirmandenſtunden⸗Reminiscenzen von mir geworfen und mich kopfüber in den reißenden Strudel Feuerbach's geſtürzt. Wie da die ſchäumenden Wogen um mich ſpritzen! All der Schulſchweiß aus Prima und den Gießener Hörſälen, der lange drückend an meinen Poren klebte, iſt fortge⸗ ſpült und ich athme frei dem, nicht mehr durch ein ſchwarzes Altar⸗ tuch verhüllten Lichte der goldenen Sonne entgegen. Es lebe die pure blanke Menſchheit!“———„Da hab' ich mir wieder einmal bei einem Freunde, der mich als Fachgenoſſe verſteht, ein bischen Luft gemacht. Und nun geht's wieder nach Gießen, um . 24


