——
— 186—
Dogmatik zu exerciren; denn in einem Jahre muß ich das Examen
machen, ſonſt ſagen unſre alten Weiber daheim, ich habe Nichts gelernt für das viele Geld. Was ſoll daraus werden? Ich weiß es bis jetzt noch nicht. Vogue la galère!“—
In meinem Tagebuche finde ich ferner unterm 7. Oct. 1846 folgende Bemerkungen, bei denen ich des eigentlichen Kernes halber die oft gar ſtudentiſch phraſeologiſche Schaale zu überſehen bitte. Ich ſchrieb damals alles Das mit einem gewiſſen Pathos auf dem Kothurn eines ſich für eine Art embryoniſchen Philoſophen halten⸗ den jungen Studenten, während ich jetzt in den bequemen Haus⸗ pantoffeln eines etwas blaſirt Ernüchterten einherſchreite. Im reiferen Alter gehen eben dem Pegaſus der Jugend mit ſeinen ſprühenden Nüſtern nach und nach die Flügel aus.
„Sehr treffend iſt folgender Ausſpruch L. Börne's:„Ich drücke nie eine Empfindung aus, ehe ich von der heißen Dach⸗ kammer des Gefühls in den Eiskeller der ruhigſten Beſonnenheit hinabgeſtiegen bin und dort die Probe gehalten habe, ob der Kopf mit dem Herzen übereinſtimmt. Und ſo oft dieſe Uebereinſtimmung fehlt, löſche ich meine Empfindung aus.“—
Und L. Feuerbach ruft in ſeiner„Kritik der chriſtlichen Rechts⸗ und Staatslehre von Stahl“ ein ironiſches Heil! über unſere ſog. poſitive Philoſophie.„Sonſt“, ſagt er dort,„nahmen die Menſchen nur in außerordentlichen Fällen, nur da, wo ſie auf Facta ſtießen, welche ſie, von unzureichenden Principien ausgehend, nicht mit der Vernunft in Uebereinſtimmung bringen konnten, zu dem Willen Gottes ihre Zuflucht und nannten daher denſelben, offenherzig genug, den Zufluchtsort der Unwiſſenheit, das„asylum ignorantiac“. Jetzt aber wird das Aſyl der Ignoranz ſogar zum Princip der Wiſſenſchaft gemacht.“
Nichts iſt treffender, als dieſe Bezeichnung. Der bibliſch⸗ chriſtliche Gott iſt, beim Lichte betrachtet, in den meiſten Fällen nur das mit einem klangvoll impoſanten Namen verhüllte Bekennt⸗ niß der Unzulänglichkeit unſeres eigenen menſchlichen Wiſſens, der ſelbſtgezimmerte Balken, an welchen die verzweifelnde Speculation ſich klammert, um nicht in dem Ocean eines troſtloſen Vacuum's zu ertrinken.—— Der Glaube an den dogmatiſchen Gott iſt ein bequemes Univerſalmittel für religiöſe Zweifel aller Art. Jeder Philoſoph kommt auf ſeiner forſchenden Wanderung durch die Natur der Dinge zuletzt auf einen Ausgangspunkt, wo es heißt: usque eo nec plus ultra! An eine jähe abſchüſſige Klippe, wo er vom ſchwindelerregenden Felsrand hinab in eine dunkle Kluft ſchaut, jenſeits deren, nach dem derben Volksausdruck, die„Welt mit Brettern zugenagelt iſt“. Dieſen leeren oder vielmehr ſeinen ſchwachen Augen unzugänglichen Raum, dieſes unerfaßbare Etwas, die„un⸗


