— 183—
der Menſchheit iſt identiſch mit ihrer ſittlichen. Nur Der iſt ein wahrhaft ſittlicher, ein wahrhaft menſchlicher Menſch, der ſeine re⸗ ligiöſen Gefühle und Bedürfniſſe zu durchſchauen den Muth hat. Wer ein Knecht ſeiner religiöſen Gefühle iſt, der verdient auch politiſch nicht anders, denn als Knecht behandelt zu werden. Wer nicht ſich ſelbſt in der Gewalt hat, hat auch nicht die Kraſt, nicht das Recht, ſich vom materiellen und politiſchen Druck zu be⸗ freien. Und wer daher dem religiöſen Gefühle im Gegenſatze zur Freiheit des Denkens das Wort redet, der iſt ein Feind der„Aufklärung“ und Freiheit, der redet dem Obſcurantis⸗ mus das Wort; denn Alles ohne Unterſchied ſanctionirt der Obſcurantismus des religiöſen Gefühls. Selbſt den Laſtern, ſelbſt dem Schrecken, der Furcht, ſelbſt einem Deus crepitus huldigte das religiöſe Gefühl der frommen Heiden. Und war es bei den Chriſten weſentlich anders? Hing einſt nicht auch das religiöſe Gefühl der Chriſten eben ſo feſt an den Geſpenſtern, den Hexen, als an Gott? War nicht einſt Alles, ſelbſt der Lauf der Erde, vom religiöſen Gefühle und Glauben in Beſchlag ge⸗ nommen? War darum eben nicht jeder Fortſchritt in der Philo⸗ ſophie, in den Naturwiſſenſchaften eine Negation, ein Frevel gegen das religiöſe Gefühl? Und geht daſſelbe nicht auch in die „That“ über? Widerſprach es dem religiöſen Geſühl und Glauben unſrer Reformatoren, den Servet im Feuer zu Tode zu martern? Hat ſich nicht auch in unſern Tagen wieder das religiöſe Gefühl auf eine höchſt arrogante Weiſe in die Politik eingemiſcht? Und iſt es nicht überall, wo es Charakter gezeigt, abſolut negativ gegen das menſchliche Weſen aufgetreten? Ja wahrlich, purer Hohn iſt das Wort Freiheit, das Wort Aufklärung im Munde Deſſen, der die Finſterniß des„religiöſen Gefühls“ in Schutz nimmt.“
„Es iſt demnach eine moraliſche Nothwendigkeit, eine heilige Pflicht des Menſchen, das dunkle lichtſcheue Weſen der Religion in die Gewalt der Vernunft zu bringen, und dieſe Pflicht iſt um ſo dringender, je größer der Widerſpruch iſt, in welchem die Vorſtellungen, Gefühle und Intereſſen der Religion mit den anderweitigen Vorſtellungen, Gefühlen und Intereſſen der Menſchheit ſtehen, wie Dies gegenwärtig der Fall iſt! Denn wo die Religion im Widerſpruch ſteht mit den wiſſenſchaftlichen, poli⸗ tiſchen, ſocialen, kurz geiſtigen und materiellen Intereſſen, da be⸗ findet ſich die Menſchheit in einem grundverdorbenen, unſitt⸗ lichen Zuſtand— im Zuſtand der Heuchelei!“——
Nicht mit Unrecht ſang G. Herwegh im zweiten Bande ſeiner „Gedichte eines Lebendigen“(S. 128) über dieſen zwar aus Hegel's Schule hervorgegangenen, aber doch ſelbſtſtändigen nam⸗ hafteſten Philoſophen der neueren Zeit:


