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Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
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firmation eines deutſchen Fürſten, Janz im Widerſpruch mit den Lehren des Katechismus, auf die Frage: Was iſt Religion? den Satz:Religion iſt, was das Gewiſſen bindet, Gewäſſen iſt unſre innerſte Ueberzeugung. Und auf die Frage:Was gehört alſo nicht zur Religion? den Satz:Was nicht mein Gewiſſen bindet, das iſt, was mich nicht überzeugt, wovon ich keine Er⸗ kenntniß, keinen Begriff habe oder was nicht meine Pflicht nach meinem innerſten Bewußtſein angeht, zur Antwort empfängt, hierauf von Schiller ſich in die Myſterien des Cultus der Schönheit einweihen läßt und endlich, nachdem es ihm hier ein wenig zu warm geworden, die Schiller'ſche Gluth in dem ſtillen Ocean der Göthe'ſchen Liebes⸗ und Lebensweisheit abkühlt, wenn, ſage ich, dieſer Jüngling nach ſolchen Vorſtudien auf eine de eutſche Univerſität kommt, ſo wird ihm was gilt die Wette? auch ehe noch die Philoſophen ihren Beitrag dazu geliefert haben die moderne pietiſtiſche Orthodoxie ungeachtet deselaſtiſchen Cul de Paris, den man jüngſt dem Knochengerippe des alten Miracelglaubens untergepolſtert hat, in einer ſo häßlichen, wider⸗ lichen Geſtalt erſcheinen, daß er nur in dem entſchiedenſten Gegen⸗ ſatz die Quelle des Lebens und Heils ſinden wird. Warum ver⸗ klagt ihr alſo nicht die Poeſie? Warum nur die Philoſophie? Schiller ſchreibt an Göthe:Ich muß geſtehen, daß ich in Allem, was hiſtoriſch iſt, den Unglauben zu jenen Urkunden(Neues Teſta⸗ ment) gleich(9 ört! hört!) ſo eutföbieden mitbringe, daß mir Ihre Zweifel an einem einzelnen Factum noch ſehr räſonnabel vor⸗ kommen. Mir iſt die B zibel(hört! hört!) nur wahr, wo ſie naiv iſt; in allem Andern, was mit einem eigentlichen Bewußlſein ge⸗ ſchrieben iſt, fürchte ich einen Zweck und einen ſpäteren Urſprung. Wahrhaſt poetiſch iſt ferner jene weitere, in mir darum dauernd haften gebliebene Stelle in F.'s Abhandlung:Das Weſen der Religion(1. Band, S. 410 ꝛc.):Den Kindern gibt man auf die Frage, woher die Kindlein kommen? bei uns dieſeErklärung, daß ſie die Amme aus einem Brunnen holt, wo die Kindlein wie Fiſche herumſchwimmen. Nicht anders iſt die Erklärung, die uns die Theologie von dem Urſprunge der organiſchen oder überhaupt natürlichen We eſen gibt. Gott iſt der tiefe oder ſchöne Brunnen der Phantaſie, in dem alle Realitäten, alle Vollkommenheiten, alle Kräfte enthalten ſind, alle Dinge folglich ſchon fertig wie Fiſchlein herumſchwimmen; die Theologie iſt die Amme, die ſie aus dieſem Brunnen hervorholt. Aber die Hauplperſon, die Natur, die Mutter, die mit Schmerzen die Kindlein gebiert, die ſie neun Monate lang unter ihrem Herzen trägt, bleibt bei dieſer Uanün glich kindlichen, jetzt aber kindiſchen Erklärung ganz aus dem Spiele. Allerdings