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wenig ich verlangen kann, daß ſich unſre heutige Geſellſchaft mit einem Geſetzbuche Solon's oder Lykurg's glücklich fühlen ſoll, ſo wenig kann ich die unantaſtbare Stabilität veralteter Moralgeſetze verlangen. Die Vorbedingungen ſind verändert, und die Folgerungen ſollen noch jenen gemäß fortbeſtehen? Alle unſre Philoſophen ſind, leider! nachdem man ſie getauft und confirmirt hat, in der Väter Glauben vollkommen hineinerzogen worden; die
Wenigen, welche ſich vom Autoritäts⸗Einfluſſe frei erhakten haben, werden überſchrieen von der Menge,— all unſre Wiſſenſchaft iſt kirchlich inficirt. Daher ſind unſre Moralprincipien neuerer Geburt immer nur Abdrücke der früheren Platte geworden. Die ſogenannten Indifferenten haben nicht den Muth, zu glauben, und nicht den, zu prüfen. Dahinein gehören faſt alle Leute der höheren Bildung; daher das Geſchrei der ſ. g. Pfaffen über die wachſende Gleichgültigkeit in religiöſen Dingen. Aus dem Mißverhältniſſe der Anforderungen und Gewährleiſtungen entſpringt ſie und wird nur mit dieſem gehoben.“——„Ich will die Freiheit auch in religiöſen Dingen.(Die„Gewerbefreiheit der Götter“ nennt es bekanntlich Heine.) Man ſoll mir und Allen geſtatten, zu glauben, was ich will. Wer einen Teufel braucht, der ſoll ihn haben! Ihn beglückt eben der Teufel und die Sünde. Ich haſſe das Schema⸗ tiſiren, das Zuſammendrücken der Menſchen zu einem Knäuel.— Die Poeſie jedes Menſchen ſei ſein Glaube! Der Staat iſt kein göttliches Inſtitut mehr, er iſt eines der Klugheit, des Ver⸗ tandes, des daraus fließenden gegenſeitigen Vor⸗ theils; was ſollen alſo die religiöſen Bedingniſſe? Fragt Nie⸗ mand nach dem Katechismus, fragt ihn nach ſeinem Rechtsbreve! Laßt Jeden zu im Staate, ſo Juden als Heiden! Frei iſt die Kunſt, die Poeſie ſoll es auch ſein, und mein Himmel und meine Hölle ſind das Werk meiner Poeſie.“—— Sehr wahr ſagt L. Feuerbach in ſeiner Abhandlung über „Philoſophie und Chriſtenthum“ in Bezug auf den der Hegel'ſchen Philoſophie gemachten Vorwurf der Unchriſtlichkeit(Erläuterungen und Ergänzungen zum Weſen des Chriſtenthums, S. 79— 80): „Glaubt ihr, daß ein ſolcher(durch das Studium unſrer modernen deutſchen Claſſiker gegangener) Jüngling— vorausgeſetzt, daß er kein charakterloſer Wechſelbalg iſt, daß er einen natürlichen Ent⸗ wicklungsgang geht, was ſreilich nur ein Vorzug geſunder Naturen iſt— je an den Gräueln der orthodoxen Theologie, an einem Sündenfall, der die ganze Natur und Menſchheit verpeſtet hat, Ge⸗ ſchmack ſinden wird? Wenn nun aber gar der nämliche Jüngling bei Leſſings Nathan dem Weiſen in die Lehre geht und zugleich bei Herder Humaniora hört und hier noch obendrein bei der Con⸗


