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„Es iſt wirklich ein tiefer ſchwerer Jammer, wenn man viele unſrer beſten Köpfe auf den theologiſchen und halbtheologiſchen Lehrſtühlen ſitzen ſieht und bedenkt, daß ſie ſich ihr ganzes Leben hindurch mit des Kaiſers Bart beſchäftigen. Sie leben in einer camera obscura, und wehe Dem, der daran rütteln oder hinein⸗ leuchten wollte! Es iſt ein großes Reich, umſchloſſen, wie von der chineſiſchen Mauer, von Terminologieen und Technologieen, die ſeit den erſten Kirchenvätern errichtet wurden; das 1800 Jahre alte Buch, um deſſen Sinn ſie ſich herumquälen, iſt das unveränderliche Staatsgrundgeſetz, und innerhalb dieſer Mauer hetzen ſich die Leute trotz Reformationen und Revolutionen zu Tode. Heraus können ſie nicht, denn draußen liegt die profane Natur. Große Weltſeele, vergib ihrer Dummheit die Blasphemie, deine ewigen Güter in heilige und profane zu theilen! Alles iſt Tempel, Alles biſt Du; es gibt kein Draußen, nur die Privilegirten haben ein Profanes. Voltaire ſagte einſt von andern Bevorzugten, ſie ſeien mit Sporen an den Füßen und ihre Unterthanen mit Sätteln auf dem Rücken zur Welt gekommen. Wir haben immer noch jene todtenbleiche Klaſſe, die mit Bibelſprüchen bedruckt und nn ſalbungsreichen Phraſen im Munde auf dieſer Welt erſchienen ind.“
„Es iſt ein wahrer Zauberkreis, in dem man eine Klaſſe von Menſchen, die ſich profeſſionsmäßig mit Seligmachen und Verdammen beſchäftigen, eingeſperrt hat und aus dem ſie nicht heraus können. Und es iſt eben ſo ſchlimm, wenn ſich ſo viele von den Leuten Rationaliſten nennen, denn ſie haben die ratio dem Handwerk vermiethet; ſie ſind, wie der Eſel in der Mühle, der im Kreiſe herumgehend ein Rad bewegt. Ihr Grundſatz iſt: das Reſultat einer vernünftigen Hermeneutik der ſ. g. heiligen Schrift ſei deine Religion! Und daneben ſagen ſie, der Stifter jener Religion ſei ein vortrefflicher Menſch, aber nur ein Menſch geweſen, und dieſer Menſch ſoll nun eine Glaubens⸗ und Sittenlehre gegeben haben, die nach 1800 Jahren ganz andern Ländern, nachdem alle geſell⸗ ſchaftlichen Verhältniſſe zehnmal umgeſtürzt und umgeändert worden ſind, noch unverändert gelten ſoll! Daher die Erſcheinung, daß der gebildete Theil der Welt, welcher nicht von der Theologie lebt, überall eine eigne Sittenlehre hat und von ſogenannten„Sündern“ wimmelt; daher die wunderbare Stellung, welche der Theologe un⸗ befangenen Leuten gegenüber einnimmt, daher der Glaube, die Theologie ſei bloß da, um dem Volke Etwas vorzumachen, ihm Etwas zu thun zu geben.“
„Die geſellſchaftlichen Verhältniſſe und die moraliſchen Anforderungen müſſen Eines das Andere bedingen und Eines in dem Andern aufgehen. So


