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—. Nutzen haben ſoll. Kann man denn etwa läugnen, daß wenigſtens ein Drittheil unſrer jetzigen Welt ein andres Chriſtenthum, als das der Pfaffen, braucht? Sowie es zumeiſt jetzt gelehrt wird, hat es nur Einfluß auf die wenigen Gläubigen, die ſich für blind halten und einen Stab wollen. Thut Wunder, ſagt ihnen, daß ſie ſehen, und ſie werden ſehen! Mit dieſer aufgeſtellten Perfecti⸗ bilität(Entwicklungsfähigkeit) hört auch das Pfaffenthum auf, denn es tritt dann der Theologe in die Reihe aller Uebrigen, die ſich dem Kriterium beugen, das uns das höchſte iſt, weil es kein andres gibt, welches uns ſagen könnte, was das Höchſte ſei! Die Ver⸗ nunft aber iſt jenes Kriterium, unter welchem am Ende alle Parteien fechten, nur daß die Einen ihr Banner entfalten, die Andern es zuſammengewickelt einhertragen.(Die„Vernunſt“ iſt freilich nach Luther„eine Beſtie“, welche von dem Glauben„erwürgt“ werden muß. D. V.)—„Ach, die Faulheit iſt die Erbſünde. Hundertmal haben ſie angefangen, in die Kirchengeſchichte zu gehen, nach einer kurzen Weile waren ſie müde und wurden ebenſo ſtarre Wegweiſer, wie die Andern. So hat's der Proteſtantismus ge⸗ macht, er erſtarrte bald im Lutheranismus und Calvinis⸗ mus. So macht es der Rationalismus ebenfalls; weil Weg⸗ ſcheider, Paulus oder Röhr da oder dort ſtehen geblieben ſind, da iſt die Sache fertig. Das iſt eine ekelhafte Faulheit. So lange nicht Einer von den Philoſophen unter den Zeitungsanzeigen in der Beilage bekannt machen kann:„Unterzeichneter hat mit letzter Poſt aus dem Himmel herunter das Einzigrichtige in beſter Qualität bezogen und empfiehlt es ſeinen geehrten Kunden zu den billigſten Preiſen ꝛc.“— ſo lange wollen wir unſern Tadel zurück⸗ halten, ja unſer Lob ſogar austheilen, wenn auf mancherlei Weiſe nach der Erkenntniß geſtrebt wird.“
Und Laube’s„Rationalismus“ war auch der meine:„Die Vernunft zeigt mir, daß ſich in Natur und Welt Alles nach gewiſſen Geſetzen und Regeln entwickle, die ich entweder erkenne oder nicht erkenne, aber auch unerkannt vorausſetzen darf und muß. Ich weiß nicht, welche Kraft die Blüthe aufſprenge, aber ich weiß, daß eine Kraft dazu nöthig iſt. Ich ſehe Alles nach ſolcher Ordnung ſich entwickeln, und wenn ich die Geſetze auch nicht in Paragraphen getheilt habe, ſo habe ich doch einen Begriff vom Geſetzesgange. Darum nun, weil ich die Gottheit überall in gewiſſen beſtimmten Kreiſen und Geſetzen in der Natur wirken ſehe, ſtatuire ich keinplötzliches, unvorbereitetes ge⸗ waltſames Hinausſchreiten, wie die Erſcheinung eines leib⸗ lichen Sohnes Gottes, der auf Erden überall, wo er hinkäme, die gewöhnlichen Geſetze vermöge ſeiner Ueberirdiſchkeit aufhöbe. Wie will man denn dem Moslem ꝛc. daſſelbe Recht ſtreitig machen?“


