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Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
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und im Verlaufe dieſer originellen Beichte entpuppten ſich dann die meiſten dieſer angeblich verkanuten, nur durch Mißverſtändniß oder Cabale verurtheilten Biedermänner als wahrhaft geriebene Diebe und Betrüger, die ohne alle etwaigen ſocial⸗philoſophiſchen Motive mit dem Mein und Dein auf dem brutalſten Kriegsfuße lebten.

Das intereſſanteſte Erlebniß hatte ich in der Art mit zwei ehemaligen Gemeinderäthen aus einem benachbarten Landſtädtchen, die, von Haus aus wohlhabend und eine gewiſſe geſellſchaftliche Bildung verrathend, zu den Honoratioren des Correctionshauſes zählten und ſich unter gewaltig demokratiſchen Redensarten hin und wieder als politiſche Märtyrer und Schickſalsgenoſſen meiner⸗ eigenen Wenigkeit gerirten. Was der Grund ihrer Verurtheilung war, wurde mir erſt klar, als auch ſie mich um ein Begnadigungs⸗ Geſuch angingen. Natürlich wollten ſie Anfangs auch bei mir die ehrlichen Leute heraushängen. Nachdem ich ihnen aber mit meiner obigen Argumentation, deren Richtigkeit ſie in ihrer augenblicklichen Lage wohl begriffen, nicht ohne eine gewiſſe mephiſtopheliſche Schadenfreude die Piſtole auf die Bruſt geſetzt, begannen ſie ſich, wenn auch zögernd und unter allerlei leicht zu durchſchauenden Ausflüchten, Stück für Stück zu demaskiren, und als des Pudels Kern ergab ſich zu meinem eignen Erſtaunen eine ganz ſchmutzige Betrügerei auf Koſten der Gemeinde, wenn ich mich recht erinnere, bei Gelegenheit von Kartoſſel⸗Einkäufen für ihre unbemittelten Mit⸗ bürger u. ſ. w. Nichts deſto weniger fertigte ich auch dieſen beiden entlarvten Hallunken, die wie Armeſünder vor mir ſtanden, ihre Supplik aus. Die Milderungsgründe entnahm ich hauptſächlich ihrer Lage als Familienväter, der langen Dauer ihrer bereits ver⸗ büßten Strafe u. ſ. w., und das Reſultat war für Beide der Er⸗ laß des letzten Monats. Was weiter aus ihnen geworden iſt, habe ich nicht erfahren.

Neben dieſer freiwilligen Winkel⸗Advokatur hatte ich auch das Amt als öffentlicher Vorleſer. Nicht nur mußte ich jedesmal, ſo oft ein Schub neuer Kameraden eintraf, dieKriegsartikel des Correctionshauſes, die an der Wand aufgehängten Disciplinar⸗ ſtatuten, worin u. A. trotz der Reformen von 1848 noch die Strafen der Prügel, desin den polniſchen Bock Spannens u. ſ. w. ſigurirten, in einer Art von improviſirtem Feldgottesdienſt vom Tiſche herab mit benöthigtem Pathos zur Nachachtung vortragen, ſondern, um während des Arbeitens bei Licht die Ruhe beſſer auf⸗ recht zu erhalten, gab man mir auch die Erlaubniß, aus den paar Büchern, welche mir der wohlwollende Pfarrer der Anſtalt, Herr R., zu meiner Privatlectüre lieh, den Uebrigen vorzuleſen. Den meiſten Effect erzielte ich durch die bekannte, mit Illuſtrationen verſehene Prachtausgabe desGil Blas von Leſage, deren mannig⸗