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Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
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muß man heulen, ſo lautet die alte Moral, und danach han⸗ delte ich.

Zunächſt hielt ich eine kurze und draſtiſche Standrede an meine neuen Genoſſen, worin ich ihnen ſagte, daß ich wegen dieſer und jenerpolitiſchen Mordthaten, obwohl ſonſt ein vollkommen ehrlicher Menſch, dazu verurtheilt ſei, ein halbes Jahr mit ihnen zuzubringen, und hoffe, wir würden in der Zeit gute Kamerad⸗ ſchaft mit einander halten. Wenn ich irgend Einem von ihnen mit meinem Rath oder durch eine gelegentliche Unterſtützung aus meinengeheimen Fonds behülflich ſein könne, ſo möge er ſich nur getroſt an mich wenden. Dagegen erwarte ich aber auch mit aller Zuverſicht von ihnen, daß, wenn ſie mich hin und wieder irgend etwas Unerlaubtes treiben ſähen, Keiner mich bei dem Be⸗ ſchließer, Werkmeiſter oder Verwalterverrathen würde.

Dieſes mein offenes Entgegenkommen hatte in der That den beſten Erfolg, und es iſt für ſolche großentheils demoraliſirte Sträflinge gewiß charakteriſtiſch genug, daß, während die geringſte Ausplauderei die Strenge meiner Haft bedeutend verſchärfen konnte, mein Vertrauen auf ihre Discretion kein einziges Mal getäuſcht wurde.

Dank der geheimen Unterſtützung meiner Freunde und Partei⸗ genoſſen in der Stadt, welche bald die üblichen Kanäle zu eröffnen wußten, hatte ich zur Verbeſſerung der mageren Gefängnißkoſt täglich ein halber Laib Brod und abwechſelnd Erbſen⸗, Bohnen⸗ oder Linſen⸗Suppe! fortwährend in meinem Verſteck mein aus⸗ reichendes Quantum von Getränken und kalten Speiſen, bei deren Genuß ich fremder Beobachtung gar nicht entgehen konnte. Auch las ich während der Arbeit, wenn kein Aufſeher in der Nähe war, häufig Zeitungen und Bücher, rauchte u. ſ. w.

Die erſte beſte Denunciation eines meiner Mitgefangenen würde hingereicht haben, mir alle dieſe ſo werthvollen Dinge für immer zu entziehen; denn die Verwaltung, welche wohl Manches vermuthete, aber ſo weit als thunlich ignorirte, hätte dann der Disciplin halber unnachſichtlich gegen mich einſchreiten müſſen. Indeſſen zu ihrer Ehre ſei es ihnen nachgeſagt kein Ein⸗ ziger dieſer Burſchen, denen man Delicateſſe gewiß am wenigſten zutrauen konnte, hat von jenen verſtohlenen Genüſſen, deren An⸗ blick doch wohl ihren Neid hätte erregen ſollen, auch nur das Ge⸗ ringſte verlauten laſſen. Dagegen hielt ich aber auch mein eignes Verſprechen kameradſchaftlicher Hülfsbereitſchaft in vollſtem Maße bis zur letzten Stunde. Nicht nur gab ich Jedem, dem ſeine Brod⸗ ration nicht ausreichte, gerne von der meinigen ab und vertheilte regelmäßig von meinen kalten Speiſen unter ſie, ſondern auch in anderen Beziehungen ſtand mein Rath und meine Feder Jedem zu