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Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
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aus unverwüſtlichen Humor. Daß dieſe Ausſicht zwar de jure, leider aber nicht de facto vorhanden war, ahnte ich in meiner jugendlichen Naivetät damals noch gar nicht und ließ mir im Traume nicht einfallen, daß mich das löbliche akademiſche Dis⸗ ciplinargericht meiner alma mater Ludoviciana noch zu guter Letzt vor der Freilaſſung auf zwei Jahre relegiren und ſpäter dashöchſt⸗ preisliche Miniſterium meine noch obendrein auf einen Stempel⸗ bogen à 36 Kreuzer niedergeſchriebene ſubmiſſe Anfrage, ob man mich nach Ablauf der Relegationszeit zum Examen und Acceß zu⸗ laſſen werde, wegen Unterlaſſung des obligaten pater peccavi! gar nicht einmal einer Antwort werth finden würde!

Froh genug, mit einem blauen Auge davongekommen zu ſein, malte ich mir meine Zukunft höchſt roſig, und nachdem mir vor⸗ ſchriftsgemäß das Haar kurz geſchnitten und nicht ohne leiſes Seufzen der mühſam erzielte Bart abraſirt worden war, folgte ich mit keckem Schritt, ein altes Studentenlied leiſe vor mich hin⸗ pfeifend, dem Beſchließer aus der Zelle hinaus über den Hof nach dem gegenüberliegenden Correctionshauſe, einem alten, finſteren Gebäude, aus deſſen vergitterten Dachſtuben⸗Fenſtern verſchiedene riskirte Phyſiognomieen auf den neuen Ankömmling kameradſchaft⸗ lich herabgrinſten.

Es war für mich wenigſtens ein unterhaltender Wechſel der Scenerie, und ich dachte, du wirſt unter dieſenzu verbeſſernden Burſchen jedenfalls reichen Stoff zu pſychologiſchen Studien erhalten. Der bot ſich mir allerdings in größerer Fülle, als ich ſelbſt erwartet hatte..

Ich trat in die Mitte von lauter Dieben, Fälſchern, Mein⸗ eidigen, Wilderern, Strohmern und Vagabunden, theilweiſe jungen Anfängern im Guerillaskrieg gegen die Geſetze, meiſt aber alten, hartgeſottenen Sündern, die mich, da der Grund meiner Verur⸗ theilung auch zu ihnen gedrungen war, faſt alle mit einem gewiſſen ſcheuen Reſpect Manche nannten mich ſogarHerr Doctor! begrüßten..

Nur zwei Leute meines Gelichters, politiſch Verurtheilte, traf ich in der ganzen Schwefelbande. Der Eine, ein krumm⸗ beiniger und ſchwerhöriger Zunftgenoſſe von Hans Sachs, voll von kauſtiſchem Mutterwitz, ſaß wegen Betheiligung an dem September⸗ Aufſtand von 48, der Andere, ein Bauer aus Oberheſſen, wegen verſchiedener Exceſſe bei einer ſeinem Bürgermeiſter von demſouve⸗ ränen Pöbel gebrachten Katzenmuſik.

Schöne Gegend, das! dachte ich, als ich die verſchiedenen um mich herum gruppirten Baſſermänniſchen Geſtalten muſterte. Jedoch, jedem Dinge läßt ſich eine gute Seite abgewinnen, wenn man es nur richtig anpackt. So auch hier.Mit den Wölfen