Druckschrift 
Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
Entstehung
Seite
163
Einzelbild herunterladen

163

Als mir dieſe Aeußerungen, ſowie die auf den Struve'ſchen September⸗Aufſtand bezüglichen Stellen des damals von mir redi⸗ girtenjüngſten Tags als Vorbereitungen zum Hochver⸗ rath und zum gewaltſamen Umſturz der heſſiſchen Verfaſſung zur Laſt gelegt wurden, erwiederte ich nach dem vor mir liegenden Berichte desFrankfurter Journals u. A.: An einen beſondren Umſturz in Heſſen habe ich nicht gedacht, ſondern nur an eine allgemeine deutſch⸗nationale Erhebung gegen die der Frankfurter Verſammlung widerſtrebenden(oder wie ich wört⸗ lich ſagte)rebelliſchen Fürſten. Die plötzliche Nachricht vom Struve'ſchen Aufſtande, die jede Partei in ihrem Sinne beleuchtet habe, ſei mir als Vorbote einer allgemeinen Erhebung des deutſchen Volks gegen die Verfaſſungsverletzungen der Fürſten erſchienen, während ſie nach meiner ſpäteren Erfahrung wohl nur ein unüber⸗ legter politiſcher Knabenſtreich geweſen ſei. Meiner anfänglichen Auffaſſung zufolge ſei jene Erhebung ebenſo gerechtfertigt geweſen, wie die gegenwärtige der Schleswig⸗Holſteiner gegen ihren ver⸗ faſſungsungetreuen König⸗Herzog. In Wien und Berlin habe da⸗ mals gleichzeitig ein Zuſammenſtoß der Volkspartei mit der Contre⸗ revolution bevorgeſtanden. Blieb Heſſen ſeinen Märzverſprechungen treu, ſo war dort eine Umwälzung nicht nöthig, ſondern nur eine Unterſtützung der Volksſache. Fiel aber letztere an dem einen oder andern Orte und verbanden ſich die Fürſten in ihren dynaſtiſchen Familienintereſſen, ſo ſei das Volk zum bewaffneten Wider⸗ ſtande ſo berechtigt, als verpflichtet geweſen, und nur hierzu habe ich aufgefordert. Trotz meiner großen Anhänglichkeit an die ſocial⸗demokratiſche Republik müſſe ich dieſelbe immer doch ihrerinneren Entwicklung überlaſſen und mich ſtets der Mehrheit fügen. Auf die Bemerkung des Präſidenten, daß ich nach dem ganzen Eindruck meiner Rede dazu aufgefordert habe, ſich einer bevorſtehenden Bewegung anzuſchließen, welche die öffent⸗ lichen Zuſtände Deutſchlands über den Haufen werfen ſollte, habe ich erwiedert, die Rüſtung ſei nöthig geweſen gegen die be⸗ waffnete Contrerevolution der vereinigten deutſchen Fürſten und inſofern geſetzlich und gerechtfertigt. Der Berichterſtatter des Frankfurter Journals wenn ich mich nicht ſehr täuſche, der mir damals noch auch politiſch befreundete Bruder meines Vertheidigers, jetziger H.⸗G.⸗Advocat Ignatius Metz bemerkte ſchließlich:Der Angeklagte ſpricht ſehr fließend und in ſchlagenden Deductionen, ſodaß er in ſeinen Ausführungen förmlich mit ſich fortreißt. Dieſe Dialectik unterſtützt ihn in ſeiner Vertheidigung ſo ſehr, daß die⸗ ſelbe kaum gewandter geführt werden kann. Einen ſehr ſtörenden Eindruck macht aber bei den Verhandlungen das Ruhegebieten der Polizei, welches oft mehr Spectakel erregt, als die Unruhen