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Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
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etwas muthwillige Scherz, der bloß die volle Freiheit künftiger Berufswahl recht eclatant ausdrücken ſollte, erregte bei dem darob erſtarrenden Staatsanwalt eine wahrhaft conſtitutionell⸗monarchiſche Gänſehaut ſo könne er meinetwegen Schuſter oder Schneider werden oder einen ſonſtigen bürgerlichen Beruf wählen, der ja bei redlichem Fleiße Niemanden ſchände, ſondern weit mehr zur Ehre gereiche, als ein ariſtokratiſches dolce far niente. In dem Bienen⸗ korbe eines rationellen Staatshaushaltes hätten die Drohnen nur geringe Geltung, während die Königin doch wenigſtens für Nach⸗ kommenſchaft ſorge, ſo gut, wie eine gewiſſe höchſt liebenswürdige und achtbare menſchliche Standesgenoſſin in der europäiſchen Nach⸗ barſchaft. Wir ſelbſt ſeien das arbeitendeVolk, wie ja auch der Bienenzüchter ſeine fleißigen Pfleglinge benenne, aber weit entfernt, die Ariſtokratie derDrohnen, die uns mit ihren Feu⸗ dallaſten ꝛc. nur endlich in Ruhe laſſen möchte, irgendwie, gleich jenen unerbitlich radikalen Thierchen,ſchlachten zu wollen. Dieſes mein handgreifliches, nur als für die Maſſe beſonders anſchaulich gewähltes Bild machte ganz den gewünſchten Eindruck und jeder Bauer verſtand ſofort, daß ich keineswegs zu den guillotinirenden Fürſtenmördern oderFürſten zum Land⸗hinaus⸗Jagern gehörte, vielmehr die ganze, durch die neueſte Revolution angebahnte Um⸗ änderung der Staatsverfaſſung nur auf dem friedlichen Wege ge⸗ ſetzmäßiger Landesverſammlungs⸗Abſtimmung unter Schonung aller Privatrechte des bisherigen Mo⸗ narchen durchgeführt ſehen wollte. Und dieſe Aufklärung war für die Bauern ſchon viel werth, nachdem ſie uns Republikaner bisher pflichtſchuldigſt alle für Halsabſchneider und politiſche Schinderhanneſe gehalten. Selbſt meine Geſchworenen lächelten, als ich ihnen dieſe meine ganz menſchenfreundliche, freilich auch ächt ſtudentiſch-idylliſche Auffaſſung der Löſung der Staatsver⸗ faſſungsfrage in aller Harmloſigkeit entwickelte. Der Staatsanwalt freilich konnte mir eine ſolche politiſche Naivetät, die ihm als höchſt ſtrafbare Majeſtätsbeleidigung erſchien, ganz und gar nicht ver⸗ zeihen, obgleich der Großherzog ſelbſt ſpäter ſo viel gewohnten ge⸗ ſunden Humor gehabt hahen ſoll, ſich über die ihm zugedachte höchſt gemüthliche Entthronung oder doch Mediatiſirung herzlichſt auszulachen. Ein Fürſtenmörder war wahrlich nicht in unſern Reihen; dagegen ſtellten wir uns denn doch die ganze Procedur viel zu einfach vor, als ob, wie jener Franzoſe ſagte, eine der⸗ artige Revolution rein mit Eau de Cologne, ohne alle Bei⸗ miſchung von Blut, Tuilerienzerſtörung und ſonſtige ſanscülottiſche Exceſſe vor ſich gehen könnte. Je nun, wir waren als Revolutionäre noch gar ſentimentalegrüne Jungen, die Alles auf dem güt⸗

lichen Wege des Compromiſſes fertig zu bringen gedachten. 5