— 150—
Höllenbrand!“„War das Recht, meine Herren?“ interpellirte ich die Geſchworenen.„Und wie verträgt es ſich damit, daß der⸗ ſelbe Luther gleichzeitig über die ſchmählige Brutalität eines deutſchen Fürſten gegen Th. Münzers ſchwangere Wittwe ſchrieb:„Was ſoll ich ſolchen Rangen und Säuen ſchreiben? Die Schrift nennt ſolche Leute Beſtien, aber man muß ſie dennoch leiden, weil uns Gott durch ſie plagen will(i1?). Ich habe wohl beſorgt: würden die Bauern Herren, ſo würde der Teufel Abt werden; würden aber die Fürſten Herren, ſo würde ſeine Mutter Aebtiſſin werden!“„War das, m. H. G.,“ fragte ich die Geſchworenenbank,„eine des damals ſo einflußreichen großen Re⸗ formators, deſſen ſonſtiges geſchichtliches Verdienſt ich rückhaltlos anerkenne, würdige Haltung?“(Mehrere Geſchworene ſchüttelten mit dem Kopfe. Offenbar hatten ſie dieſes ſchnöde im Stiche Laſſen der auf ſeine Vermittlung vertrauenden Bauern noch gar nicht genügend gekannt.)„Und hatte nicht ſein berühmter Zeitgenoſſe Erasmus von Rotterdam Recht, als er Luther vorwarf:„Obgleich du die Bauern nicht anerkennſt, iſt ihr Aufruhr doch nur eine Folge deiner Reformation und eigentlich dein Werk!?“ Und der bekannte Caspar von Schwenkſeld, wenn er ſagte:„Luther hat das Volk aus Aegypten(dem Papſtthum) durch das rothe Meer(den blutigen Bauernkrieg) geführt, aber in der Wüſte ſitzen laſſen!?“ Und der moderne demokratiſche Schriftſteller L. Börne mit ſeinen beißenden Worten:„Luther war eines Bauern Sohn und hatte die Uniform der Emporkömmlinge angelegt, damit iſt Alles geſagt!“ Wie leicht wäre ihm Ange⸗ ſichts ſeiner damaligen einflußreichen Stellung bei den ſeiner neuen Lehre zugeneigten deutſchen Fürſten und Bauern, wie Bürgern, eine einigermaßen zufriedenſtellende Vermittlung zwiſchen beiden Parteien möglich geweſen, und warum hat er aus bloßer Liebedienerei für die Fürſten, als überwiegend eigennützige, ſäculariſationsſüchtige Stützen der Kirchenreform, nicht eine ernſtliche Vermittlung verſucht, die bei ſeinem Einfluſſe nach beiden Seiten ſicher zu einer leid— lichen Uebereinkunft geführt haben würde? Daß er Das unterlaſſen und ſich vielmehr gleich unbedingt auf Seite der Fürſten ge⸗ ſtelltt, deren politiſche Macht durch göttlichen Urſprung er ſogar zu einem Glaubensartikel erhob, das iſt der ſchwere Vorwurf, den trotz aller ſonſtigen Verdienſte die unbefangene Geſchichte gegen ihn erheben muß. Freilich, wer da lehrte, wie er:„jeder Fürſt ſei unmittelbar von Gott verordnet, Gottes Stellvertreter auf Erden, Niemanden verantwortlich und verpflichtet, als Gott und ſeinem Ge⸗ wiſſen!“— ſo ohngefähr lautete ſein paſſendes Schema für gar manchen modernen ſ. g.„Conſtitutionalismus!“— der mußte naturnoth⸗ wendig die an ſich ſo verdienſtliche Reformation aus einer Sache


