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halten Luthers, das offenbar durch die Furcht dictirt war, ſeine religiöſe Reform werde durch die von Thomas Münzer und ſonſtigen „Schwarmgeiſtern“ in den Vordergrund gedrängte und zuletzt zu dem Ausbruche des revolutionären Bauernkriegs gelangte politiſche Freiheitsbewegung nicht nur bei den, die erſtere unterſtützenden Fürſten discreditirt, ſondern auch nachgerade ganz abſorbirt werden, als ein hyperloyales im Stichelaſſen ſeiner bäuerlichen Standesge⸗ noſſen ſcharf gegeißelt hatte. Das war für meine faſt durchweg „lutheriſchen“ Geſchworenen, die darin möglicher Weiſe eine Art von mediatiſirter Gottesläſterung erblicken konnten, ein gar kitzlicher Punkt, den auch der Staatsanwalt mit der entrüſteten Phraſe ſeines Anklageaktes:„Selbſt unſern großen Reformator Luther verſchonte ſeine freche Läſterzunge nicht“, auf eine ſichtlich für mich ungünſtige Weiſe ſehr ſalbungsvoll hervor⸗ gehoben hatte. Als ich aus den bedenklichen Phyſiognomieen der Geſchworenen ſah, daß dieſe meine etwas pietätlos ſcharfe Kritik ihres proteſtantiſchen Kirchenheiligen die ſeither für mich günſtige Stimmung bedenklich umzuwandeln drohte, erbat ich mir zu meiner Rechtfertigung unverzüglich das Wort, da für mich bei einem ſo kitzlichen Thema unverkennbare„Gefahr im Verzuge“ lag. Auf das „allgemeine Schütteln des Kopfes“ erwiederte ich reſolut:„Meine Herren Geſchworenen! Sie ſcheinen gar nicht zu wiſſen, wie be⸗ ſcheiden für die damaligen Verhältniſſe die Forderungen der deutſchen Bauernſchaft waren, welche ſie noch obendrein mit geziemendem Neſpecte einem aus Erzherzog Ferdinand, dem Bruder Kaiſers Carl V., dem Kurfürſten von Sachſen, Luther, Melanchthon und einigen Predigern zu bildenden Schiedsgericht vertrauensvoll zur Entſcheidung unterbreiten wollten. Die fraglichen zwölf Artikel lauteten in aller Schlichtheit folgendermaßen:„1) Die Bauern ſollen ſich ihre Pfarrer ſelbſt wählen, und dieſe ſollen das Wort Gottes lauter und rein nach dem Evangelium predigen. 2) Die Bauern ſollen Nichts mehr zahlen, als den von Gott befohlenen(!) Zehnten, wovon der Pfarrer leben und von deſſen Ueberſchuß das gemeine Weſen und die Armen ver⸗ ſorgt werden ſollen. 3) Die Leibeigenſchaft ſoll als gottlos für immer abgeſchafft ſein. 4) Jagd⸗, Vogel⸗ und Fiſchfang ſollen frei ſein, wie die Luft.(Das war freilich ein himmelſchreiender Eingriff in die„noblen Paſſionen“ des Adels!) 5) Der Wald und das Holz ſollen dem Bauer ebenfalls freiſtehen. 6) Die Frohn⸗ und Spanndienſte ſollen ermäßigt werden. 7) Der Bauer ſoll dem „Herrn“ nur durch einen freien und feſten Vertrag und durch keine Willkür verpflichtet ſein. 8) Der Zins von den Lehngütern ſoll ermäßigt werden, damit der Bauer nicht den ganzen Ertrag ſeiner Arbeit an den Herrn abgeben und umſonſt arbeiten muß. 9) Das


