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ſagen der verſchiednen Belaſtungszeugen in der Regel geſchickt neben einander gruppirte, meiſtens gewandt zu vertheidigen.„Der An⸗ geklagte,“ ſagte damals das Frankfurter Journal von mir,„ſpricht fließend und ſchlagend, ſodaß er in ſeinen Deductionen manchmal förmlich mit ſich fortreißt und ſeine Selbſtvertheidigung ſichtlich von beſtem Erfolge iſt.“ In ähnlichem Sinne, nur mit gewohnter Derbheit, berichtete Auguſt Becker in dem Gießener„Heſſiſchen Zu⸗ ſchauer“ vom 11. September über den erſten Tag.„Darmſtadt, 9. September. Heute hat der Proceß F.'s mit allen, in 8 Ru⸗ briken zuſammengeſtellten Hochverraths⸗, Landesverraths⸗, Majeſtäts⸗ und Dienſtehrenbeleidigungs⸗Verbrechen begonnen. Der Hochver⸗ rath ſoll auf mehreren Volksverſammlungen begangen worden ſein, der Landesverrath in Baden bei den letzten Reichsverfaſſungskämpfen daſelbſt, die Majeſtätsbeleidigungen durch Angriffe F.s gegen den Großherzog und mehrere andre Souveräne(meines Wiſſens auch Heinrich den„Zweiundſiebzigtauſendſten“ von Reuß⸗Greiz⸗Schleiz⸗ Lobenſtein!), die Dienſtehrenbeleidigung durch Verletzung der Amts⸗ ehre des Miniſters Jaup und des Landrichters Brumhard(des Regierungs⸗Commiſſärs in der Adminiſtrativ⸗Unterſuchung wegen der„Zuſchauer“⸗Artikel gegen Kreisrath Seitz). Mit dem letzten Fall hat man heute Mittag den Anfang gemacht. Der ganze Vormittag wurde durch das Verleſen der Anklageakte und die ſehr dünnleibige Begründung der Anklage in Anſpruch genommen. Nach dem Zeugenverhör, das ziemlich zu Gunſten des Angeklagten aus⸗ ſiel, wurde die übliche Vernehmung des Angeklagten vorgenommen. Dieſelbe iſt bis jetzt(8 Uhr) noch nicht zu Ende. F. hält ſich ritterlich, wie ein junger Löwe. Kein Anhauch von Schwäche und Verzagtheit, immer noch der kategoriſche junge Ehrenmann von immer. Selbſt ſeinen vor⸗ und nachmärzlichen Hohn und Spott über die Philippsorden ꝛc. und Alle, die danach lechzen, kann er nicht laſſen. Der Präſident und der Staatsanwalt werden Mühe haben, dieſen, vom Pfeil des heimlichen Gerichts getroffenen, unter die Krähen gerathenen jungen Adler in den Käfig zu bringen. Hoffen wir das Beſte zu Gott und den Menſchen!“ Die Ver⸗ handlungen, in deren Verlauf ich wider mein eignes Erwarten eine große Ruhe bewahrte, entwickelten ſich ſehr lebhaft, wozu die theil⸗ weiſe Verworrenheit der ſich manchmal einander widerſprechenden bäuerlichen Zeugenausſagen nicht wenig beitrug. Meinen eignen Ausſagen am Schluſſe jedes Geſammtverhörs über die einzelne in Frage ſtehende Volksverſammlung gelang es in der Regel, ein klares abgerundetes Geſammtbild des beſondren Falles unter ge⸗ ſchickter Einflechtung der gravirendſten Ausſagen zu entwerfen. Die riskirteſte Stelle für mich war diejenige meiner Oberohmener Rede über den Bauernkrieg, womit ich das ſonderbare Ver⸗


