Druckschrift 
Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
Entstehung
Seite
155
Einzelbild herunterladen

155

mir länger und waren mir faſt empfindlicher, als das volle halbe Jahr in dem finſtren alten Arreſthauſe gegenüber. In den drei erſten Tagen des Proceſſes, wo die Ausſichten für mich noch ziem⸗ lich ungünſtig ſchienen, hieß es denn bei meiner Heimfahrt dem Verwalter gegenüber reſignirt:Herr F., es gibt ein Fäßchen! Als ſich aber in Folge meiner reſoluten Antworten auf die Zeugen⸗ ausſagen und meiner jedesmaligen gewandten Selbſtvertheidigung am Schluſſe jedes Einzelverhörs die Ausſichten unverkennbar zu klären begannen, da rief ich jedesmal auf der Treppe jubelnd: Herr Verwalter, es gibt Cigarren! Freuen Sie ſich einſt⸗ weilen ich nehme ein feines Kraut und die ſollen Ihnen famos ſchmecken! Der alte Kerkermeiſter, der bei Weitem nicht ſo ſchlimm war, wie er ausſah, konnte trotz aller Anſtrengung, wenn er in mein luſtiges Schelmengeſicht blickte, bei ſolchen Anſprachen nie das Lachen halten, und ich bin von ſeiner natürlichen Gutmüthig⸗ keit überzeugt, die Cigarren waren ihm um meinetwillen, den er in ſeiner Art gerne hatte, weit lieber, als das Zuchthausfäßchen. Sanfte Ruhe ſeiner Aſche! Trotz aller Barſchheit ſeines Aeußeren barg der Mann ein warmes gutes Herz, das mir ſtillſchweigend Alles geſtattete, was ſeine ſtrenge Dienſtpflicht ihm nur irgend zu⸗ zulaſſen ſchien. Wie ſelten iſt es, leider Gottes! daß ein früherer, namentlich politiſcher Unterſuchungsgefangener ſeinem ehemaligen Kerkermeiſter als freier Mann einen ſo ehrenden Nachruf noch in ſein Grab hinein widmen kann!

Montag, den 9. September 1850 endlich, Morgens 8 Uhr, fuhr ich zum erſten Male in der Droſchke, die ich lachend den Armeſünderkarren taufte, zwiſchen meinen beiden Gensd'armen nach dem Aſſiſenſaale in dem Nebenbau des Darmſtädter Hofs. Ein zahlreiches, aus allen Ständen gemiſchtes Auditorium hatte ſich verſammelt und muſterte mich neugierig, als ich nach ruhiger Umſchau, dem oder jenem in der Menge erkannten Freunde oder Bekannten herzlichſt zunickend, innerhalb des Spaliers neben meiner Polizei⸗Eskorte Platz nahm. Mir gegenüber, an einem kleinen mit Akten bedeckten Tiſche, ſaß mein erwählter Vertheidiger ſpäter erbitterter politiſcher Gegner, der zu jener Zeit ſchon als Vertheidiger renommirte Advokat Auguſt Metz. Aſſiſenpräſident war der damalige Hofgerichtsrath Eigenbrodt, ein in ſeiner Art muſterhafter Richter von liebenswürdigſter Urbanität und unpar⸗ teilichſtem Tacte, wie ich mir wahrlich keinen beſſeren wünſchen konnte, der, was er ſpäter ſelbſt Metz bekannte, mich im Verlaufe der Verhandlungen wegen meiner rückhaltloſen Offenheit und Non⸗ chalance mit jedem Tage lieber gewann. Ich hatte glücklicher Weiſe weder den Kopf, noch meinen alten Humor verloren und wußte mich am Schluſſe jedes einzelnen Verhörs, wo ich die Aus⸗