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mannes, des extremſten Gegenſatzes zu einem Georgi, mit gebüh⸗ render dankbarer Pietät zu beſuchen— wurde ich endlich Anfang Auguſt 1850, da das Gießener Hofgericht wegen meinerſeits erfolg⸗ ter Beleidigung mehrerer ſeiner Mitglieder ſich ſelbſt perhorrescirte, per Schub nach der mir faſt gänzlich unbekannten Reſidenz trans⸗ portirt, wo ich,— als einzig dankenswerthe Conſequenz dieſer mir höchſt unwillkommenen Transportirung nach meiner Freilaſſung ein dortiges liebenswürdiges Bäschen, meine jetzige Frau, damals Fräulein Lina Schloſſer, kennen und lieben lernte.„S' iſt Nichts ſo ſchlimm, als man wohl denkt,“ pflegte ſie mir, deſſen anfäng⸗ lichen Trübſinn ſie mit glücklichem Humor zu verſcheuchen wußte, oft aus irgend einer Oper vorzuſingen,„wenn man es nur recht erfaßt und lenkt!“ Im Provinzialarreſthaus, wo ich durch einen eigenthümlichen Zufall im dritten Stocke gerade die Zelle neben der des unglücklichen Pfarrers Weidig angewieſen erhielt, wurde ich von dem nun verſtorbenen Verwalter Fink, einem oberheſſiſchen Landsmanne, in ſehr barſcher Manier empfangen, fand aber ſpäter in ihm trotz ſeiner ſchroffen Formen, namentlich in Folge meines un⸗ verwüſtlichen Humors, einen ſehr gemüthlich toleranten Cerberus, mit dem ich mich auch nach meiner Freilaſſung ſtets herzlichſt begrüßte. Als ich am erſten(Montag) Morgen, 9. September 1850, von der Gensd'armerie nach den Aſſiſen abgeholt wurde, erklärte ich ihm lachend:„Herr Verwalter, wenn ich in das Zuchthaus kommen ſollte, ſo werde ich Küfer und mache Ihnen als Geſchenk ein kleines Bierfäßchen. Komme ich aber da hinüber in Ihr Correctionshaus, ſo erhalten Sie ein Dutzend ſelbſtgemachter feiner Cigarren, mit roth und weißem Band umwickelt.“ Trotz ſeiner finſtren Miene konnte der Mann doch darüber das Lachen nicht halten und erklärte ſpäter meinem mich in der Regel heimbegleitenden Oheim H. F.: „Sehen Sie, Herr F., ich habe doch ſchon Leute allerlei Kalibers, namentlich auch genug politiſch Angeklagte, droben in meinen Zellen unter Verſchluß gehabt, aber ein ſolcher Leichtſinn, wie der Ihres Neffen, iſt mir doch bei Keinem derſelben in ſolcher Lage bis jetzt vorgekommen.“ „Ah!“ rief ich,„das verſtehen Sie falſch, Herr Verwalter. Das iſt kein Leichtſinn, ſondern einfach„leichter Sinn“, ein wahrer Troſt in ſchlimmen Lagen. Was würde mich's denn helfen, wenn ich etwa greinen wollte? Man muß eben gute Miene zum böſen Spiele machen, ſagt der Franzoſe.“ O du beneidenswerthe Federkraft der Jugend, die auch dem Trübſten eine gewiſſe heitre Seite abzugewinnen weiß! Später warſt du mir faſt ganz abhanden gekommen, als ich etwa 16 Jahre nachher, wegen Beleidigung des„fortſchrittlichen“ Parteiführers, Advokaten Mwtr,— meines damaligen Verthei⸗ digers!— zu bloßen 14 Tagen Haft in demſelben Provinzial⸗ arreſthauſe verurtheilt wurde. Dieſe zwei Wochen allein dauerten


