.— 152— fährliche Fahrt mit dem Dampfboot nach Mainz. An der rhein⸗ pfälziſchen Station Neuenburg, wo die erſte polizeiliche Viſitation vorgenommen wurde, retirirte ich mich auf die„Retirade“ und entkam ſo den Spüraugen der bairiſchen Gensd'armen. Am ge⸗ fährlichſten aber war die zudem badiſch⸗ preußiſche ſtandrechtliche Station Mannheim, wo man von dem einen Boot in das andre überſteigen muß, was nur vor aller Welt Augen vermittelſt eines ſchmalen Brettes möglich iſt, an deſſen Ende ein Polizeicommiſſär und zwei Gensd'armen aufgepflanzt ſind. Dieſelben fragen jeden Paſſagier nach dem Paſſe, controliren ihn ſorgfältig und arre⸗ tiren alle Die, welche entweder gar keine oder, wie ich, keine voll⸗ kouühten ausreichende Legitimation haben, ja ſogar ſol che mit Päſſen Verſehene, deren Phyſiognomie nur ihnen verdächtig erſcheint, ohne Weiteres. Hier galt es va banque!„Packte“ man uns, ſo kamen wir ohne Umſtände vor das Standgericht und wurden ent⸗ weder alle Beide zu Pulver und Blei begnadigt, oder doch jeden⸗ falls mein Begleiter, und ich bekam nach damaliger Praxis min⸗ deſtens 8 bis 10 Jahre Zuchthaus! Schöne Ausſicht auf eine graue Sträflingsjacke und ſo lange Arbeit am Spinnrad oder als Zündhölzchenmacher, wenn nicht gar vorerſt auf die berüchtigten Raſtatter Caſematten, die mir faſt die Haare zu Berge ſtehen machte! Wir wußten in unſrer leicht erklärlichen Verlegenheit gar nicht, wo hinaus? und wären ohne Zweifel verloren geweſen, wenn ſich nicht ein herübergekommener gutmüthiger Kellner des uns erwar⸗ tenden Bootes noch zu rechter Zeit als wahrer Rettungsengel unſrer angenommen hätte. Er verſteckte uns raſch in ein enges dunkles Käm⸗ merchen, das wir ſofort von innen verſchloſſen und wo wir die mili⸗ täriſch⸗polizeilichen Viſitatoren über unſern Köpfen und kaum einen Schritt an uns vorbei ſchreiten hörten.(Sie verlangten auch, unſern Verſteck zu beſichtigen, und mein Reiſe⸗ und Schickſalsgenoſſe griff ſchon verzweifelt nach einem ſcharfen Tranchirmeſſer, um es ſich vor ihrem etwaigen Eintritt in die Bruſt zu ſtoßen. Aber der Kellner wußte ſie gewandt vorüberzuſchwatzen.) Als ſie die? gaſſagiere ꝛc. ge⸗ nügend controlirt hatten, lud der Kellner den Poliz zeicommiſſär ſammt Gensd'armen und Soldaten zu einer(natürlich von uns im Voraus bezahlten) guten Flaſche Wein in die Vorkajüte ein, und während die Wächter des Geſetzes dort einige Minuten con amore becherten, ſchlüpften wir auf ein vom Kellner gegebenes Signal aus unſrem Verſteck über das Brett in das andre Boot, wo wir uns ſofort wieder bis zu der erſt nach einer vollen Stunde erfolgenden Ab⸗ fahrt auf den Abtritten verbargen. Wie froh wir Athem ſchöpften, als wir endlich innerhalb des heſſen⸗darmſtädtiſchen Territoriums ankamen, brauche ich euch nicht wohl zu ſagen. Dort herrſchte zur Zeit wenigſtens kein Kriegszuſtand und man riskirte doch nicht
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Von 1846 bis 1853 : Erinnerungen aus Verlauf und Folgen einer akademischen und politischen Revolution / von einem weiland Gießener Studenten und badischen Freischärler [Rudolph Fendt]
Seite
152
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